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Historische Reden und Aussagen
















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    -----Original-Nachricht-----
    Betreff: wichtige Post von Egon Krenz
    Datum: 2016-10-21T21:26:18+0200
    Von: "Carsten Hanke" hanke.lambrechtshagen@web.de





    Liebe Freunde, Liebe MitstreiterInnen,

    mich erreichte heute von Egon Krenz aus Peking ein wichtiger Beitrag, der von historischen Wert ist. Bitte aufmerksam lesen.

    Mit solidarischen Grüßen

    Carsten Hanke

    www.hanke-mv.de






    -----Original-Nachricht-----
    Gesendet: Freitag, 21. Oktober 2016 um 13:59 Uhr
    Von: "Egon"
    An: "Carsten Hanke" hanke.lambrechtshagen@web.de
    Betreff: Lieber Karsten, einen herzlichen Gruß aus Peking,
    wo ich an der Konferenz über den Marxismus im 21. Jahrhundert teilnehme
    und heute den unten folgenden Beitrag gehalten habe.
    Wenn Du willst, kannst Du ihn gern verbreiten:





    „Über geschichtliche Ereignisse beklagt man sich nicht, man bemüht sich im Gegenteil, ihre Ursachen zu verstehen und damit auch ihre Folgen, die noch lange nicht erschöpft sind.“ (Friedrich Engels).



    Thema des Forums:

    Der Marxismus im 21. Jahrhundert.

    Themenkreis für die Diskussion:

    «Der Zusammenbruch des Sowjetblocks und die Wiederbelebung des Sozialismus»


    Thema des Diskussionsbeitrages von Egon Krenz:

    «Die Niederlage der DDR –Teil des Zusammenbruchs des real existierenden Sozialismus in Europa»


    Meine Damen und Herren, liebe Genossinnen und Genossen,

    Rolf Berthold, langjähriger Botschafter der DDR in der Volksrepublik China, und ich sind als Zeitzeugen zu dieser bedeutenden Konferenz gekommen. Gern nehme ich auch seine Redezeit für mich in Anspruch.

    Seit 1984 habe ich an den Beratungen des Rates für Gegenseitige Wirtschaftshilfe (RGW) und der Staaten des Warschauer Vertrages auf höchster politischer Ebene teilgenommen.

    Aus eigenem Erleben kann ich daher bezeugen, dass die Partei- und Staatsführungen der sozialistischen Staaten Europas auf die seit Anfang der achtziger Jahre entstandene tiefe Systemkrise nicht vorbereitet waren. Im Oktober 1981 hatte KPdSU-Generalsekretär Breschnew Erich Honecker mitteilen lassen, dass sich die Sowjetunion in einer ähnlich schwierigen Lage befände wie Sowjetrussland 1918 vor Abschluss des Brester Friedensvertrages. Das konnte ja nur bedeuten: Es ging um Sein oder Nichtsein der Sowjetmacht!

    Die Tragik besteht darin, dass diese dramatische Mitteilung nie durch die Staaten des Warschauer Vertrages kollektiv erörtert wurde und folglich daraus auch keine Schlussfolgerungen gezogen wurden. Das Nachlassen der ökonomischen Leistungskraft der RGW-Länder hatte große wirtschaftliche, soziale und schließlich auch politische, ideologische und moralische Auswirkungen auf die Bevölkerung. Das Vertrauensverhältnis zwischen Volk und Staat wurde in allen Ländern der sozialistischen Staatengemeinschaft erheblich gestört.

    Versäumt wurde, die ökonomischen Potentiale mit dem Ziel zu vereinen, den Rückstand in der Arbeitsproduktivität gegenüber dem Kapitalismus aufzuholen. Die Staatengemeinschaft erwies sich als unfähig, den Sozialismus mit der wissenschaftlich-technischen Revolution zu verbinden. Ansätze unterblieben in der Regel stecken aus nationalem Egoismus von Teilnehmerstaaten. Gleichzeitig gab es keine kollektive Zurückweisung der Provokation von US-Präsident George Bush Senior, der die NATO Länder aufgefordert hatte, die Sowjetunion – ich zitiere – « in die Wertegemeinschaft des Westens» zu holen, was gleichbedeutend mit der Liquidierung des Sozialismus war.

    Die «Perestroika»- und «Glasnost-Politik» der sowjetischen Führung gab keine konstruktive Antwort auf die entstandene Systemkrise. Sie trug nicht zu einer «Erneuerung des Sozialismus», sondern zu seinem europäischen Niedergang bei. Aus der von Gorbatschow beabsichtigten «zweiten Oktoberrevolution» wurde letztlich eine Konterrevolution, die von verschiedenen Fraktionen in der KPdSU initiiert wurde und letztlich zur Zerschlagung der UdSSR führte.

    Das Schicksal der DDR war in guten wie in schlechten Zeiten auf das Engste mit dem der Sowjetunion verbunden. Auch wenn sich die DDR kalendarisch vor der Sowjetunion aus der Geschichte verabschiedet hatte, ist ihr Untergang ursächlich mit dem der Sowjetunion organisch verbunden. Die UdSSR stand 1949 an der Wiege der DDR und sie hat schließlich auch mit ihrer Unterschrift unter den «Zwei plus Vier – Vertrag» ihren Untergang besiegelt.

    Mit dem Verschwinden des europäischen Sozialismus von der politischen Landkarte wurde die deutsche Zweistaatlichkeit obsolet, verlor die DDR ihre Daseinsberechtigung als selbständiger Staat. Für zwei kapitalistische deutsche Staaten gab es weder objektiv noch subjektiv eine Notwendigkeit.

    Bemerkenswert in diesem Zusammenhang ist aber, dass das Streben der von den USA-geführten NATO um die Neuordnung der Welt eng verbunden ist mit einem erbitterten ideologischen Kampf um die Deutungshoheit der Geschichte des 20. Jahrhunderts und damit auch des real existierenden Sozialismus auf dem europäischen Kontinent.

    Der Sozialismus des vergangenen Jahrhunderts war legitim. Der Begriff «realexistierender Sozialismus» bedeutete ja nicht – wie das gewisse Ideologen unterstellen – dass wir den Sozialismus bereits in Vollkommenheit verwirklicht glaubten. Vielmehr wurde damit das dialektische Verhältnis von Ideal und Wirklichkeit betont. Es galt, die Realität am Ideal auszurichten, was selbstverständlich als ein langwieriger historischer Prozess verstanden wurde. Zudem bedeutete dieser Begriff eine Abgrenzung von allen möglichen pseudosozialistischen Theorien, die im Gegensatz zu Marx, Engels und Lenin standen, vor allem zu der Utopie, es könnte einen fehlerfreien Sozialismus ohne Widersprüche geben.

    Die historisch korrekte, differenzierte und damit gerechte Bewertung des vergangenen Sozialismus ist ein Zukunftswert. Wer für einen neuen Sozialismus kämpfen will, muss sowohl die Vorzüge als auch die Unvollkommenheiten des vergangenen analysieren. Dies schließt ein, Antworten auf die Fragen zu finden: Was ist bewahrenswert am gewesenen Sozialismus und was darf sich nicht wiederholen? Dabei ergeben sich zwei Grunderkenntnisse. Zum einen hat sich erwiesen, dass Sozialismus auch im Zentrum Europas möglich ist. Zum anderen wurde deutlich, dass der Sozialismus auch in der DDR im Wettbewerb der beiden Weltsysteme noch nicht bestehen konnte.

    Gegenwärtig erleben wir eine absurde Erinnerungskultur. Die Schuld an der Spaltung des europäischen Kontinents wird einseitig der Sowjetunion angelastet. Mit einem nur auf Fehler, Mängel und Unzulänglichkeiten des realen Sozialismus sowie auf die Person Stalin verengten Blick wird die Geschichte Europas auf den Kopf gestellt.

    Zur Interpretation der Geschichte des 20. Jahrhunderts wird vor allem die Totalitarismusdoktrin benutzt. Sie hat eine antikommunistische und antisowjetische Ausrichtung. Sie enthält die Behauptung, rot sei gleich braun, d. h. Sozialismus sei gleich Faschismus. Das ist nicht nur eine Diskreditierung des gewesenen Sozialismus. Es ist vor allem auch eine Verharmlosung des deutschen Faschismus.

    Der weltweit geschätzte deutsche Schriftsteller Thomas Mann wandte sich frühzeitig gegen die Gleichsetzung von Sozialismus und Faschismus als er schrieb:

    »Den russischen Kommunismus mit dem Nazifaschismus auf die gleiche moralische Stufe zu stellen, weil beide totalitär seien, ist bestenfalls Oberflächlichkeit, im schlimmeren Falle ist es – Faschismus. Wer auf dieser Gleichstellung beharrt, mag sich als Demokrat vorkommen, in Wahrheit und im Herzensgrund ist er damit bereits Faschist und wird mit Sicherheit den Faschismus nur unaufrichtig und zum Schein, mit vollem Hass aber allein den Kommunismus bekämpfen.»


    Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges war die Gründung eines Staates in Ostdeutschland weder von der UdSSR noch von der SED gewünscht. Die UdSSR hatte an einer Spaltung Deutschlands aus eigenen Sicherheitsgründen kein Interesse. Wäre es nach dem Willen der UdSSR sowie der Kommunisten und Sozialdemokraten der sowjetisch besetzten Zone gegangen, wäre aus Deutschland – ich zitiere - „ein antifaschistisches, demokratisches Regime, eine parlamentarisch-demokratische Republik mit allen demokratischen Rechten und Freiheiten für das Volk“ geworden.

    So steht es im Aufruf der Kommunistischen Partei Deutschlands vom 11. Juni 1945, der mit Stalin vereinbart worden war. Und weiter heißt es dort: „Wir sind der Auffassung, dass der Weg, Deutschland das Sowjetsystem aufzuzwingen, falsch wäre, denn dieser Weg entspricht nicht den gegenwärtigen Entwicklungsbedingungen in Deutschland“.

    Die DDR entstand also erst, nachdem die Westmächte im Mai 1949 die Bundesrepublik Deutschland gegründet hatten. Die DDR wurde nicht gegründet, um Deutschland zu spalten. Deutschland war bereits gespalten, als die DDR gegründet wurde. Die Geschichte zwischen 1945 und 1990 in Deutschland war eine permanente Auseinandersetzung zwischen zwei konträren Weltsystemen, zwei feindlichen Militärblöcken, zwei gegnerischen Staaten, zwei grundverschiedenen Idealen und zwei andersartigen Entwürfen für die Zukunft. Wer die DDR einen «Unrechtsstaat» nennt, lässt solche grundlegenden geschichtlichen Zusammenhänge außer Acht.

    Wenige Tage nach ihrer Proklamierung - zunächst nur als provisorischer Staat - erhielten die Repräsentanten der DDR ein bemerkenswertes Telegramm aus Moskau. Es enthielt die konzentrierte sowjetische Strategie in der Deutschlandfrage. Der Absender war Stalin. Er schrieb:

    „Die Bildung der Deutschen Demokratischen friedliebenden Republik ist ein Wendepunkt in der Geschichte Europas» . Um jedes Missverständnis auszuschließen, die Gründung der DDR könne doch als Spaltung Deutschlands verstanden werden, endet das Telegramm mit dem Satz: „Es lebe und gedeihe das einheitliche, unabhängige, demokratische friedliebende Deutschland.“

    Der erste Kanzler der Bundesrepublik, Konrad Adenauer, handelte jedoch nach dem Grundsatz „Lieber das halbe Deutschland ganz, als das ganze Deutschland halb.“ Gegenüber dem französischen Außenminister prahlte er sogar: „Vergessen Sie nie, dass ich der einzige Regierungschef bin, der die Einheit Europas der Einheit seines Vaterlandes vorzieht.“ Die deutsche Nachkriegsgeschichte vollzog sich nicht vordergründig im Nationalen, sondern im Spannungsfeld der Großmächte. Deshalb kann man die DDR auch nicht isoliert vom Verhalten der Großmächte und auch nicht von dem der Bundesrepublik Deutschland betrachten.

    1952 hatte die Sowjetunion gesamtdeutsche Wahlen für ein gesamtdeutsches Parlament vorgeschlagen. Die Westmächte, einschließlich die Bundesrepublik, lehnten ab. Sie betrachteten die sogenannte Stalinnote als sowjetische Propaganda. Seitdem wurden die Bedingungen für die deutsche Einheit von Jahr zu Jahr aussichtsloser. Die deutsche Spaltung wurde durch die Westintegration der Bundesrepublik zementiert.

    Erst jetzt kam in der DDR 1952 der Aufbau des Sozialismus auf die Tagesordnung. Und das unter Bedingungen eines gespaltenen Landes. Die daraus entstandenen Schwierigkeiten - wie die Spaltung einer früher einheitlichen Währung und Wirtschaft, die Zugehörigkeit zu einem der sich feindlich gegenüberstehenden militärischen Bündnissen, das Grenzregime zwischen ihnen und der Reiseverkehr der Bürger zwischen den Staaten - haben die DDR bis zu ihrem Ende belastet.

    Den Westalliierten und den meisten Bundesregierungen war eine gleichberechtigte Vereinigung der BRD und der DDR stets suspekt. Sie setzten auf die »Befreiung des Ostens». Von Adenauer stammt das Bekenntnis: „Was östlich von Werra und Elbe liegt, sind Deutschlands unerlöste Provinzen. Daher heißt die Aufgabe nicht Wiedervereinigung, sondern Befreiung. Das Wort Wiedervereinigung soll endlich verschwinden. Es hat schon zu viel Unheil gebracht. Befreiung ist die Parole."

    So ist es keineswegs verwunderlich, dass die deutsche Einheit 1990 nicht ein gleichberechtigter Zusammenschluss der beiden deutschen Staaten war, sondern ein Anschluss der DDR an die Bundesrepublik Deutschland. Das Gesellschafts- und Rechtssystem der Bundesrepublik wurde der DDR administrativ diktiert, woran das Zusammenleben der Deutschen bis heute leidet.

    Bestimmte bürgerliche Historiker verdrängen, dass beide deutsche Staaten von 1949 bis 1989 in einem erbitterten Bürgerkrieg standen. Kein heißer zwar, aber ein kalter, immer auch am Rande einer möglichen atomaren Katastrophe. Statt sich zu freuen, dass aus dem kalten kein heißer Krieg wurde, hat sich die politische Elite der alten Bundesrepublik 1990 dafür entschieden, alles Ungemach der Spaltung Deutschlands allein der DDR anzulasten. Deshalb wird bis in die Gegenwart hinein die wahre Geschichte der europäischen und deutschen Spaltung verzerrt dargestellt.

    Trotz ihrer Defizite hat die DDR im Interesse der Menschen Beachtliches geleistet. Sie hatte ein menschenfreundliches Wirtschafts- und Gesellschaftsmodell. Entscheidendes Motiv war nie das Profitinteresse, sondern die Beseitigung der Ausbeutung des Menschen durch den Menschen. Sie hatte ein geschlossenes System der sozialen Sicherheit, das Arbeitslosigkeit, Obdachlosigkeit, Kinder- und Altersarmut nicht kannte. Sie verfügte über ein einheitliches Bildungssystem, in dem es gleiche Chancen für alle Kinder des Volkes gab, ohne vom Geldbeutel der Eltern abhängig zu sein.

    Unbestreitbar bleibt aber vor allem: Solange die Sowjetunion und mit ihr auch die DDR existierten, gab es in Europa keinen Krieg. Im Umkehrschluss bedeutet das allerdings auch: Das Verschwinden der DDR von der politischen Landkarte ist ebenfalls ein europäischer Wendepunkt. Zum ersten Mal nach 1945 wurde Krieg in Europa – sogar mit deutscher Beteiligung – wieder möglich.

    Die Vision eines friedliebenden Europa, die nach dem Zweiten Weltkrieg möglich schien, zerschellte, als die US-geführte NATO Jugoslawien bombardierte. Das atlantische Bündnis machte auf diese Weise aus dem Kalten einen heißen Krieg - mitten in Europa.

    Ich bin überzeugt – das wäre zur Zeit der Existenz der UdSSR undenkbar gewesen. Das Datum der Zerschlagung der Sowjetunion war für die NATO das Signal, ihr 1990 gegebenes Versprechen zu brechen, sich nicht nach Osten auszudehnen. Aus dieser Gewissheit heraus, teile ich auch die Analyse des Präsidenten Russlands, Wladimir Putin, dass die Zerschlagung der Sowjetunion eine globalpolitische Katarstrophe war.

    Die Auswirkungen dieses Dramas erleben wir bis heute auf Schritt und Tritt. Vieles, was seit Anfang der neunziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts in der Welt durcheinandergeraten ist – ob in der Ukraine, in Syrien, im Irak, in Libyen oder anderen Teilen der Welt – ist eng verbunden mit den Folgen der Zerschlagung der UdSSR und den Absichten der USA, den Rest der Welt nach ihren Vorstellungen zu formen.

    Für den Untergang der DDR gibt es einen ganzen Knäuel von Ursachen: Objektive und subjektive, nationale und internationale, ökonomische und politische, vermeidbare und unvermeidbare. Viele von ihnen gehen weit vor das Jahr 1989 zurück und über die Grenzen der DDR hinaus.

    Müsste ich diesen ganzen Komplex in einem Satz zusammenfassen, würde ich an das Leninwort erinnern: «Die Arbeitsproduktivität ist in letzter Instanz das Allerwichtigste, das Ausschlaggebende für den Sieg der neuen Gesellschaftsordnung.“

    Wahrscheinlich haben wir damals in allen Staaten der europäischen sozialistischen Gemeinschaft nicht begriffen, dass dieser Satz im Umkehrschluss auch eine Warnung enthält, nämlich die: Die neue Gesellschaftsordnung wird unterliegen, wenn sie keine höhere Arbeitsproduktivität erreicht als der Kapitalismus.

    Der historischen Gerechtigkeit wegen ist anzumerken, dass dies genau der Ausgangspunkt für die die strategischen Überlegungen Walter Ulbrichts Anfang der sechziger Jahre war. Mit dem Neuen Ökonomischen System sollte zu einer Leitung der sozialistischen Wirtschaft mit vorwiegend ökonomischen Mitteln übergegangen werden. Dieser hoffnungsvolle Versuch wurde leider 1970 abgebrochen, weil er nicht kompatibel war mit der Politik der KPdSU.

    Es gibt viele Versuche, das Ende der DDR zu erklären. Es greift aber zu kurz, es lediglich auf nationale Gegebenheiten zu reduzieren. Selbst unter den Linken in Deutschland ist die einseitige Ansicht verbreitet, die DDR «sei an sich selbst gescheitert».


    Mindestens zwei weitere Komponenten haben Wesentliches mit dem Untergang der DDR zu tun:

    Erstens:

    Die Herrschenden in den USA und ihre Verbündeten wollten den Sozialismus vom ersten Tage seiner Existenz an liquidieren. Natürlich griffen sie Ende der achtziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts die Gelegenheit beim Schopfe und halfen kräftig nach.

    Gorbatschow sprach damals vom «Neuen Denken». Die Sache hatte nur einen Haken: Der Westen dachte überhaupt nicht daran, neu zu denken. Die NATO rüstete auf, während die UdSSR das militär-strategische Gleichgewicht aufgab, das viele Jahre der Garant dafür war, dass aus dem kalten kein heißer Krieg wurde.

    Rückblickend auf 1989, erklärte Brent Scowcroft, Sicherheitsberater mehrerer amerikanischer Präsidenten: „Wir hatten einen Plan, Gorbatschow nicht.“

    Das scheint mir der Kern der Sache zu sein, den ich mit eigenem Wissen aus meiner politischen Tätigkeit ergänzen kann: Zur Jahreswende 1988/89 gab mir Erich Honecker eine streng geheime Information zum Lesen. Er hatte sie von einer zuverlässigen Quelle aus dem Weißen Haus erhalten. Darin stand: „Der neue US-Präsident denkt nicht daran, eine strategische Partnerschaft zwischen den USA und der UdSSR, wie sie Gorbatschow anstrebt, einzugehen. Nicht die USA müssten Gorbatschow entgegenkommen, sondern Gorbatschow müsse den USA entgegenkommen“.

    Der Plan der USA wurde auf dem NATO-Gipfel in Brüssel Ende Mai 1989 erörtert. Die USA sahen in Folge der Entwicklung in der Sowjetunion die Chance, zu erreichen, was ihnen durch keinen heißen Krieg möglich geworden wäre: Die UdSSR zur Kapitulation zu zwingen.

    In diesem Plan der Destabilisierung der sozialistischen Gemeinschaft besaß die DDR die Rolle eines Eckpfeilers. Mit der Beseitigung der DDR – so die Überlegung – würde die Sowjetunion einen strategischen Partner und ihr vorderstes Schild gegen die NATO verlieren.

    Inzwischen ist klar, dass es den USA keineswegs nur um die deutsche Einheit ging. Sie war nicht ihr Hauptziel. Sie war ein Mittel, um die Streitkräfte der UdSSR aus dem Zentrum Europas zu drängen. Der Warschauer Vertrag wurde einseitig aufgehoben. Die NATO blieb. Die russischen Streitkräfte zogen aus Mitteleuropa ab. Die USA setzten sich hier fest. Sie haben in Deutschland nach wie vor Atomwaffen stationiert. Condoleezza Rice, die spätere Außenministerin der USA, bekannte freimütig: Mit dem vereinten Deutschland, eingebettet in die NATO, war «Amerikas Einfluss in Europa gesichert.»


    Zweitens:

    Die DDR war Teil eines Ganzen. Untergegangen ist ein vorwiegend sowjetisch geprägtes Sozialismusmodell, das vom Stillen Ozean bis an die Elbe und die Werra reichte. Die DDR war ohne Bündnis mit der Sowjetunion nicht lebensfähig. Dieses Bündnis wurde Ende der achtziger Jahre durch die sowjetische Führung aufgekündigt. Nicht verbal, aber durch Tatsachen hinter dem Rücken der DDR-Führung.

    Kürzlich haben Gorbatschow-Vertraute 1400 Seiten Protokolle über das politische Konzept ihres Chefs in den letzten Jahren der Sowjetunion veröffentlicht. Darin sind bemerkenswerte Aussagen auch zur »deutschen Frage« enthalten. Wenn wahr sein sollte, was da drinsteht, trifft zu, dass Gorbatschow spätestens seit 1987 die DDR als Pfand nutzte, mit dem er wucherte, um das Vertrauen der USA und der alten Bundesrepublik zu bekommen.

    So erscheint auch mein Gespräch, das ich am 1. November 1989 in Moskau mit ihm hatte, in einem neuen Licht. Ich fragte ihn: „Michael Sergejewitsch, welchen Platz räumt die Sowjetunion beiden deutschen Staaten im gesamteuropäischen Haus ein? Im Westen gibt es Spekulationen, dass im Europäischen Haus für die DDR kein Platz mehr ist. “

    Gorbatschow machte auf mich den Eindruck, als habe er meine Frage nicht verstanden. Ich ergänze daher: «Die DDR entstand nach dem Zweiten Weltkrieg und im Ergebnis des Kalten Krieges. Sie ist also auch ein Kind der Sowjetunion. Es ist für mich wichtig zu wissen, ob die Sowjetunion zu ihrer Vaterschaft steht?“

    „Wo denkst du hin?“ fragte er und informiert mich, dass seine Mitarbeiter kürzlich mit Brzezinski gesprochen hätten. Sie hätten ihn gefragt, „ob sich die USA eine Wiedervereinigung Deutschlands vorstellen könnten?“

    Brzezinski habe geantwortet, „für ihn wäre das der Zusammenbruch“. Als ahnte Gorbatschow mein Misstrauen, sagte er:

    „In meinen jüngsten Gesprächen mit Thatcher, Mitterrand, aber auch mit Jaruzelski und Andreotti ist klargeworden, dass sie von den Realitäten der Nachkriegszeit, einschließlich der Existenz zweier deutscher Staaten, ausgehen. Die Fragestellung nach der Einheit Deutschlands wird von allen als äußerst explosiv betrachtet. Sie wollen auch nicht, dass der Warschauer Vertrag und die NATO aufgelöst werden. Sie sind für ein Verbleiben Polens und Ungarns im Warschauer Vertrag. Das Gleichgewicht in Europa darf nicht gestört werden, weil niemand weiß, welche Folgen das hat.“

    Das waren klare Worte, die er noch einmal bekräftigte, als er zusammenfasste: «Die Einheit Deutschlands steht nicht auf der Tagesordnung. Darüber hat sich die Sowjetunion mit ihren früheren Partnern aus der Zeit der Anti-Hitler-Koalition geeinigt. Genosse Krenz, übermittle dies bitte den Genossen des SED-Politbüros“ .


    Das, liebe Anwesende, erklärte mir der ranghöchste sowjetische Politiker noch am 1. November 1989!

    Ich konnte mir damals nicht vorstellen, dass die Führung der Sowjetunion hinter unserem Rücken die DDR zur Disposition stellt.

    Liest man heute allerdings, was sein Mitarbeiter Anatoli Tschernjajew nur wenige Tage später seinem Tagebuch anvertraut haben will, dann wird die Heuchelei deutlich, mit der die DDR behandelt wurde: „Eine ganze Epoche des sozialistischen Systems“ so heißt es dort, „ist zu Ende gegangen… Das ist das Ende von Jalta… Seht, was Gorbatschow gemacht hat. In der Tat, er hat sich als groß erwiesen…“.

    Noch am 24. November 1989 schickte mir der sowjetische Präsident aber eine Information über die Vorbereitung seines Treffens mit Präsident Bush auf Malta. Darin versicherte er: «Die DDR war und bleibt unser strategischer Verbündeter».

    Was ich damals nicht wusste, aber inzwischen durch den außenpolitischen Berater von Bundeskanzler Helmut Kohl, Herrn Horst Teltschik, dokumentiert ist: Drei Tage vorher übermittelte ein Vertrauter Gorbatschows an Bundeskanzler Kohl eine «sieben Seiten umfassende aktuelle Moskauer Erwägung für ein vereintes Deutschland».

    Diese Doppelzüngigkeit konnte zwar mein Verhältnis zur Sowjetunion nicht erschüttern, hat aber meine Meinung über Gorbatschow mitgeprägt. Die Tragik besteht darin, dass seine Politik einherging mit der Zerstörung einer Weltmacht, die trotz aller Unvollkommenheiten eine Alternative zum Kapitalismus war.

    Einer Weltmacht, die wesentlich dazu beigetragen hat, dass Europa von 1945 bis 1990 die längste Friedensperiode seiner neuesten Geschichte erlebte.

    Einer Weltmacht, ohne deren Beitrag zur Zerschlagung des deutschen Faschismus die Menschheit möglicherweise in die Barbarei zurückgefallen wäre.

    Diese welthistorischen Leistungen dürfen trotz notwendiger Kritik am Vergangenen niemals vergessen werden. Hitler konnte im heißen Krieg die Sowjetunion nicht zerschlagen. Das geschah erst 45 Jahre später infolge des Kalten Krieges, den beide gesellschaftlichen Weltsysteme gegeneinander geführt haben.

    Die Welt von heute ist weder gerechter noch sicherer geworden. 1991 kam nicht, wie viele Menschen gehofft hatten, ein besserer Sozialismus, sondern die Rekapitalisierung Osteuropas.

    Auch Deutschland ist nach 1990 nicht friedlicher, nicht sozialer, nicht gerechter geworden. Es ist staatsrechtlich zwar vereint, aber sozial, ökonomisch und auch mental weiter gespalten. Die Gegensätze innerhalb des Landes verlaufen zwischen oben und unten, zwischen arm und reich.

    Das Volkseigentum der DDR wurde liquidiert. 5 Prozent davon kam in Privateigentum Ostdeutscher, 85 Prozent ging in westdeutschen und 10 Prozent in internationalen Besitz über.

    Im Osten gibt es eine höhere Arbeitslosigkeit als im Westen, die Löhne und Renten sind hier auch noch niedriger. Der Grundsatz, gleicher Lohn für gleiche Arbeit und gleiche Renten für gleiche Lebensleistungen ist nicht verwirklicht.

    Über 100 000 Wissenschaftler der DDR wurden quasi über Nacht zu Rentnern, Frührentnern oder Arbeitslosen. Gegen Amtsträger der DDR wurden Zehntausende Strafverfahren eingeleitet, mit über 1 000 Verurteilungen, einschließlich hoher Freiheitsstrafen.

    Obwohl Ostdeutschland ca. 20% der Bevölkerung der Bundesrepublik stellt, sind nur ca. 5% der Ostdeutschen in Führungspositionen von Politik, Justiz, Armee, Medien, Kultur und Vorständen von Unternehmen. Dass Bundespräsident und Bundeskanzlerin aus dem Osten kommen, hängt nicht mit deren DDR-Biografien zusammen. Vielmehr wurden sie gewählt, nachdem sich westdeutsche Kandidaten für diese Funktionen politisch-moralisch verbraucht hatten.

    Die soziale Spaltung in Deutschland zieht die politische nach sich. Die aufgestaute Unzufriedenheit von Bürgern mit der aktuellen Politik der Merkel-Regierung, ihre Enttäuschungen über die etablierten Parteien, ihre Verbitterung über nicht eingehaltene Versprechen haben dazu beigetragen, dass sich in Deutschland innerhalb kurzer Zeit eine rechts von den Regierungsparteien CDU/CSU ausgerichtete Partei etablieren konnte.

    Diese Partei steht für Ausländerfeindlich. Sie nennt sich «Alternative für Deutschland». Der Name ist irreführend, weil ihr reaktionäres und nationalistisches Programm für Deutschland keine Alternative ist. Ich unterscheide zwischen den geistigen Brandstiftern einerseits und jenen, die – aus welchen Gründen auch immer – diese wählen. Die etablierten Parteien werden begreifen müssen, dass weder Wählerbeschimpfungen noch das Nachplappern rechter Parolen verlorenes Vertrauen zurückbringen, sondern nur die Hinwendung zu den tatsächlichen Problemen des Lebens.

    Vor nunmehr 99 Jahren begann die Oktoberrevolution, die die Welt erschütterte und veränderte. Auch wenn es Historiker und Politiker gibt, die sie inzwischen als «Staatsstreich», als «Putsch» oder «Aufruhr» herabwürdigen, ist sie nach meiner Überzeugung jene Revolution, die nach der Französischen von 1789 von der Geschichte zu Recht das Attribut «Große» erhielt.

    Ich stelle mir da schon die Frage: Was wäre wohl aus Europa und der Welt geworden, wenn die Sowjetunion dem deutschen Faschismus nicht den entscheidenden Schlag versetzt hätte? Wie hätten sich die Kolonialmächte gegenüber ihren Kolonien verhalten? Der Zerfall des Kolonialsystems ohne die Wirkungen der Großen Sozialistischen Oktoberrevolution ist nicht vorstellbar. Ohne den Sozialismus hätte es möglicherweise nicht nur einen kalten, sondern einen neuen, dritten heißen Weltkrieg gegeben.

    Die Geschichte ist kein gradliniger Weg zum gesellschaftlichen Fortschritt. Es gibt auch Epochen des Rückschritts und der Stagnation. Die Entwicklung der Produktivkräfte mit allen ihren Auswirkungen geht trotzdem voran. Damit werden früher oder später neue und sicher aussichtsreichere Versuche zustande kommen, die Gesellschaft grundlegend zu ändern. Ich bin da ein Optimist.

    In diesem Zusammenhang erinnere ich an ein Wort des von den deutschen Faschisten ermordeten Vorsitzenden der Kommunistischen Partei Deutschlands, Ernst Thälmann. Er schrieb angesichts des revolutionären Aufschwungs in China im April 1927: „Die Augen der ganzen Menschheit sind auf China gerichtet, wo das älteste und größte Kulturvolk der Erde die imperialistischen Fesseln sprengt, in die es ein Jahrhundert lang geschlagen war.“

    Wieder schaut die Welt auf China. Wer wirklich Sozialismus will, kommt an den Erfahrungen Ihres Volkes nicht vorbei. Mir scheint besonders wichtig, dass es ein Sozialismus mit nationaler Prägung ist, der nicht – wie der untergegangene - ein Modell für alle Länder sein will. Ein Sozialismus als Ziel, als ein Jahrhundertprojekt, das eine sehr langfristige Entwicklung anvisiert. Ein Sozialismus, der aktiv an der Weltwirtschaft und damit an der internationalen Arbeitsteilung teilnimmt und so zu raschen Fortschritten in der Produktion und im wissenschaftlich-technischen Fortschritt gelangt, was dem Wohl des Volkes zugutekommt. Die ökonomische Stärke und der Einfluss der VR China auf die Weltwirtschaft ist bereits so stark, dass sie sie auf andere Länder ausstrahlt.

    Am 1. Oktober 1989 hatte ich Gelegenheit in einer persönlichen Begegnung mit Deng Xiao Ping Gedanken über Reformen im Sozialismus auszutauschen. Auch daraus ist meine Überzeugung gewachsen: Wenn die sozialistische Staatengemeinschaft in Europa in den achtziger Jahren zusammen mit China den Weg der Reformen gegangen wäre, stünde der Weltsozialismus heute stärker da. Der eingeschlagene Weg der KP Chinas wird neue Probleme und andere Schwierigkeiten hervorbringen als der untergegangene Sozialismus. Der weitere Erfolg wird aber wesentlich von der aktiven Rolle der Kommunisten und der Qualität ihrer ideologischen Arbeit abhängen, vor allem vom Vertrauensverhältnis der Bürger zu ihrem Staat.


    Liebe Genossinnen und Genossen,

    ich habe darauf verwiesen, dass nach dem Anschluss der DDR an die Bundesrepublik ca. 100 000 Wissenschaftler aus Akademien, Universitäten, Hochschulen und Forschungseinrichtungen der DDR entfernt wurden. Darunter auch ein ehemaliger Kollege von Ihnen, Professor Alfred Kosing. Er war Bereichsleiter für Dialektischen Materialismus des Institutes für marxistisch-leninistische Philosophie der Akademie für Gesellschaftswissenschaften in der DDR. Er hat seit 1990 dennoch privat seine Forschungsarbeit fortgesetzt und sein 1985 in der DDR erschienenes «Philosophisches Wörterbuch» überarbeitet. Entstanden ist ein umfangreiches «Marxistisches Wörterbuch der Philosophie», das durchaus ein streitbarer Beitrag zum Thema dieser Konferenz sein kann. Ich erlaube mir, es Ihnen zu überreichen.




































Historische Reden und Aussagen












Neue Verantwortung Deutschlands für Frieden, Freiheit, Demokratie und Gerechtigkeit - Rede von Oskar Lafontaine bei der Gedenkveranstaltung der Linksfraktion im Bundestag 
 zum 70. Jahrestag der Befreiung vom Faschismus. Weiterlesen: http://www.oskar-lafontaine.de/links-wirkt/details/t/neue-verantwortung/














•    Rede von Egon Krenz "70 Jahre nach der Befreiung Europas vom deutschen Faschismus" in PDF-Format














Historische Reden und Aussagen















70 Jahre nach der Befreiung Europas vom deutschen Faschismus

(Rede von Egon Krenz, ehemaliger Vorsitzender des Staatsrates der DDR und Generalsekretär des ZK der SED, auf Veranstaltungen zum 8./9. Mai 2015)



Liebe Freunde,

kürzlich erhielt ich eine mich sehr bewegende E-Mail aus Russland. Ein russischer Freund, mit dem zusammen ich vor 50 Jahren in Moskau studiert hatte, schrieb mir:


„Wir haben den Krieg gewonnen und letztlich doch verloren. An unseren Grenzen steht die NATO. Fremde Truppen in der Nähe unserer Heimaterde, das sollte
es nach den furchtbaren Erfahrungen des deutschen Überfalls vom 22. Juni 1941 nie wieder geben. Dafür starben Millionen meiner Landsleute. Siebzig Jahre
danach wird Russland von Deutschland wieder bestraft, nicht mit einem Überfall, aber mit einem Wirtschaftskrieg und mit übler Hetze gegen mein Heimatland.“




Soweit Gedanken und Gefühle eines Russen, der als junger Mann noch Kriegsteilnehmer war.

Eine Einzelmeinung? Oder nur die Äußerung eines verbitterten alten Mannes? Keineswegs!

Die Russen haben aus ihrer Geschichte heraus ein gutes Gefühl dafür, wer ihrem Land Gutes will und wer es demütigt.

Die USA, die offen den Beitrag Russlands als Sieger über den Hitlerfaschismus verkleinern und das Land als gleichberechtigten Faktor der Weltpolitik ausschalten wollen,

stoßen auf Gegenwehr nicht nur bei Putin, sondern vor allem bei der Mehrheit der Bevölkerung.

Viele Russen gehen davon aus, dass Deutschland an der Seite der USA steht, was seit Monaten zum erheblichen Prestigeverlust der deutschen Politik in Russland geführt hat.

Das beeinflusst auch negativ die vermeintliche deutsche Vermittlerrolle im Konflikt mit der Ukraine, weil Deutschland einseitig Partei gegen Russland ergreift.

Wer sich hierzulande bemüht, über solche Zusammenhänge auch nur nachzudenken, für den wurden neue Wörter erfunden.

„Russlandversteher“ oder „Putinversteher“ heißen sie.

Bestimmte Medien benutzen sie gar als Schimpfwort gegen Menschen, denen die antirussichen Ausfälle hierzulande missfallen und diese als „Russenphobie“ kritisieren.




Was wahr ist, muss wahr bleiben! Gegen Umdeutungen der Geschichte!




Für mich ergibt sich aber die Frage:

Kann eine deutsche Regierung überhaupt konstruktive Russlandpolitik machen, wenn sie sich nicht bemüht, das Land zu verstehen,

sich in die Probleme Russlands hineinzudenken oder auch nur hinein zu fühlen?


Das muss ja durchaus nicht bedeuten, alle russischen Entscheidungen zu akzeptieren.

Doch sich verstehen ist notwendig, um überhaupt zusammen leben zu können.

Wer sich weigert, die Politik seines Nachbarn zu verstehen, der wird keinen freundschaftlichen Zugang zu ihm finden können.

Dies ist letztlich zum Nachteil Deutschlands.


Jede verpasste Chance in den Beziehungen zu Russland, ist immer auch eine vertane Zukunftschance für Deutschland.


Deutschland hat eine sichere Zukunft nur mit und nicht gegen Russland.

Das wusste schon der Eiserne Kanzler Bismarck.

Wenn Regierende heutzutage über die Beziehungen Deutschland zu Russland sprechen, halten sie es nicht einmal für erwähnenswert, dass es mehr als 40 Jahre lang eine enge Gemeinschaft UdSSR/DDR gab,

die auch bei notwendiger differenzierter Betrachtung viel Gutes für uns Deutsche brachte.

DDR Bürger haben einen enormen Anteil daran, dass sich in der Nachkriegszeit das Bild vom verbrecherischen Deutschen, der das Sowjetland verwüstet hatte, von Grund auf veränderte.

Aus Gegnern wurden Freunde. Das ist auf deutscher Seite in erster Linie das Verdienst der DDR.

Wenn bei Umfragen Ostdeutsche heutzutage oft ein anderes Russlandbild haben als Menschen, die im Westen groß geworden sind, dann hängt das mit der DDR zusammen.




Was wahr ist, muss wahr bleiben! Gegen Umdeutungen der Geschichte!




Hier wurde die Antisowjethetze bekämpft.

In Ostdeutschland wurde schon gleich nach dem Krieg damit begonnen, Wahrheiten über die Russen zu verbreiten, während sich in Westdeutschland oft das von den Nazis verbreitete Bild vom „bösen Russen“ hielt.

Für einen Russen ist es nach all dem heute schwer zu verstehen, dass die deutsche Verteidigungsministerin so kurz vor dem „Tag des Sieges“ ins Baltikum fährt, um die „deutsche Speerspitze“ einer Eingreiftruppe

zu bekräftigen.

Abgesehen vom Inhalt, fehlt bei solchen Aktionen jedes Einfühlungsvermögen in die deutsch-russische Geschichte und auch in die russische Mentalität.

Ich gestehe, mich hat die oben erwähnte E-Mail aus Moskau sehr betroffen gemacht.

Sie hat auch bei mir Emotionen frei gesetzt.

Unwillkürlich erinnerte ich mich an mein Treffen mit Gorbatschow am 1. November 1989.

Ich hatte ihn damals daran erinnert, dass die DDR im Ergebnis des Sieges der UdSSR im Zweiten Weltkrieg und des folgenden Kalten Krieges entstanden war.

Also auch ein Kind der Sowjetunion war. Ich fragte ihn, ob die Sowjetunion angesichts der Situation im Herbst 1989 weiterhin zu ihrer Vaterschaft stünde.

Er erklärte mir, dass es daran keinen Zweifel gebe.

Und er sagte auch warum:

Solange nämlich NATO und Warschauer Vertrag bestünden, solange werde es keine deutsche Einheit geben.

Der einzige Grund für ihn, so Gorbatschow damals, über die deutsche Einheit nachzudenken, wäre die gleichzeitige Auflösung der beiden sich feindlich gegenüberstehenden Militärblöcke.

Das aber, so der sowjetische Präsident, könne sich kein ernsthafter Politiker in der Welt vorstellen, weder in den USA, noch in Frankreich, Großbritannien oder sonst wo.


Das war – wie gesagt – noch am 1. November 1989!


Bald änderte Gorbatschow seine Meinung. Schon Anfand Dezember 1989 erklärte er gegenüber dem amerikanischen Präsidenten bei stürmischer See auf Malta den Kalten Krieg einseitig für beendet.

Ziemlich vertrauensselig wunderte er sich darüber, dass Bush sen. es ihm nicht gleich tat, sondern die USA zum Sieger im Kalten Krieg ausrief, während er, Gorbatschow, naiv dafür warb,

dass es keine „Sieger und Besiegte“ des Kalten Krieges, sondern nur „Gewinner“ gebe.


Gorbatschow ließ sich von den USA über den Tisch ziehen,


gestand der NATO ihre weitere Existenz trotz Auflösung des Warschauer Vertrages zu und machte hinter dem Rücken der DDR-Führung den Weg zur

deutschen Einheit frei, ohne dafür vertraglich bindend politische Gegenleistungen zu fordern.


Das Ergebnis: Das Territorium der Warschauer Militärkoalition, das einst die Sowjetarmee befreit hatte,

wurde innerhalb kurzer Zeit nicht blockfrei, sondern dem Militärbündnis des politischen Gegners zugeschlagen.



Gorbatschow gab sich leichtgläubig mit einer mündlichen Versicherung zufrieden, dass sich die NATO nicht weiter nach Osten ausdehnen würde.


Zwar bestreiten einige Politiker nachträglich, dass es je eine solche Zusicherung gegeben habe.


Doch die Archive sprechen eine andere Sprache.




Was wahr ist, muss wahr bleiben! Gegen Umdeutungen der Geschichte!




Der damalige NATO-Generalsekretär Wörner hatte am 17. Mai 1990 öffentlich bekannt gegeben:

„Schon der Fakt, dass wir bereit sind, die NATO-Streitkräfte nicht hinter den Grenzen der BRD zu stationieren, gibt der Sowjetunion feste Sicherheitsgarantien.“


Das war – wie gesagt - im Mai 1990. Da gab es die DDR noch.


Das heißt: Die Sicherheitsgarantie der NATO lautete eigentlich sogar:

Östlich von Elbe und Werra, also den damaligen Ostgrenzen der BRD, sollten keine NATO-Truppen stationiert werden.

Das bedeutet: Auch auf dem Territorium der DDR nicht!


Dass Monate nach dieser Erklärung die UdSSR zerschlagen wurde, kann nicht als Vorwand dafür gelten, die gemachten Zusagen der NATO nicht einzuhalten.

Bekanntlich ist die Sowjetunion nicht durch Volkes Willen aufgelöst worden.

Nicht durch einen Volksaufstand. Eine Volksbefragung hatte dagegen ergeben, dass die Mehrheit der Sowjetbürger für den Erhalt der Union war.

Die Sowjetunion wurde von Teilen der sowjetischen Elite von oben zerschlagen. Das hat Gorbatschow und Jelzin die Sympathie des Westens gesichert.

Mit dem ständig alkoholisierten Jelzin hatten die USA und ihre Verbündeten zudem ein leichtes politisches Spiel.

In den Vorzimmern der Macht saßen US-amerikanische Berater.

Damit und mit der Verschleuderung des russischen Volksvermögens an US- amerikanische und internationale Konzerne wie es der Oligarch Chodorkowski betrieb, hat Putin Schluss gemacht.

Er stellt wieder russische Interessen in den Vordergrund.

Das bringt ihm im eigenen Lande hohe Sympathiewerte.


Damit hat er aber auch den Haß jener Kräfte auf sich gezogen, die Russland als gleicberechtigten Teilnehmer an der Lösung internationaler

Probleme ausschalten wollen und das Land lediglich - wie es Obama frank, frei und arrogant verkündete - nur als “Regionalmacht” betrachten.

Ziel ist es, in Russland ein dem Westen zugewandtes Regime zu installieren.





Was wahr ist, muss wahr bleiben! Gegen Umdeutungen der Geschichte!




Nichts lieber hätten diese Leute als einen Maidan auch auf dem Roten Platz in Moskau.

An diesem Punkt muss angesetzt werden, wenn es um die Ursachen der Konflikte in der Welt geht. Vieles, was heute in der Welt durcheinandergeraten ist, die Konflikte im Irak, in Syrien, in Libyen, im Jemen,

aber auch in der Ukranine, hängen mit den Jahren 1989 bis 1991 zusammen als die Sowjetunion zerschlagen wurde.

Die UdSSR war bis dahin eine Barriere gegen die Weltmachtambitionen der USA.

Undenkbar, dass es bei ihrer Existenz einen so breiten Gürtel von Bürgerkriegszonen gegeben hätte, wie wir sie jetzt im Nahen und Mittleren Osten erleben, wo der Westen unter der Losung

des “Sturzes von Diktatoren” und der Menschenrechte im Prinzip Bürgerkrige erst möglich gemacht hat.

Ohne die Sowjetunion fehlt jedes Korrektiv. Den USA ging es 1989 nur zweitrangig um die deutsche Einheit, viel wichtiger war für sie, dass Russland seine Streitkräfte aus Mitteleuropa

abzog und sie sich selbst hier festsetzten und ihre Atomwaffen weiter stionieren konnten. Nicht die Rückkehr der altrussischen Krim in die Russische Föderation ist die Ursache dafür,

dass Russland und sein Präsident vom Westen verteufelt werden.

Es gibt Beispiele genug, wie das lange vor der dem Staatsstreich in der Ukraine entstand.

Ich erinnere auch an die antirussische Propaganda im Zusammenhang mit den olympischen Winterspielen in Sotschi.

Geschichtsinteressierten dürfte noch gut bekannt sein, dass einst die Nazis Vorurteile, Feindschaften und Hass gegen die Sowjetunion schürten,

um die Deutschen für einen Krieg reif zu machen.


Was ja auch gelang. Allein dieser geschichtliche Umstand sollte daran erinnern, dass Russenphobie kein Ersatz für konstruktive Politik sein kann.

Russlands Abwehr der Osterweiterung der NATO kommt ja nicht wie Phönix aus der Asche. Putin hat den Westen rechtzeitig gewarnt, den Bogen nicht zu überspannen.

Vor dem Deutschen Bundestag sagte er schon im September 2001, als an den Staatstreich in der Ukraine noch nicht zu denken war, in einwadfreiem Deutsch, also für jeden verständlich:


„Wir haben immer noch nicht gelernt, einander zu vertrauen… Mal verlangen wir Loyalität zur NATO, mal streiten wir uns

über die Zweckmäßigkeit ihrer Ausbreitung.

Wir können uns immer noch nicht über die Probleme im Zusammenhang mit dem Raketenabwehrsystem einigen….

Die Koordinationsorgane geben Russland keine realen Möglichkeiten, bei der Vorbereitung von Beschlüssen mitzuwirken.

Heutzutage werden Entscheidungen ohne uns getroffen. Wir werden dann nachdrücklich gebeten, sie zu bestätigen…

Wir sollten uns fragen, ob das normal ist, ob das eine echte Partnerschaft ist? … “



Und weiter: „ …wir (haben) uns bis jetzt noch nicht von vielen Stereotypen und ideologischen Klischees des Kalten Krieges befreit …“.




Das war vor fast 14 Jahren!



Auf der 43. Münchener Sicherheitskonferenz im Februar 2007 wurde er noch deutlicher:



„Nebenbei gesagt, lehrt man uns - Russland – ständig Demokratie.

Nur die, die uns lehren, haben selbst, aus irgendeinem Grund, keine rechte Lust zu lernen ...”

Man darf”, forderte er, “ die UNO nicht durch die NATO oder die EU ersetzen ...

Ich denke, es ist offensichtlich, dass der Prozess der NATO-Erweiterung keinerlei Bezug zur Modernisierung der Allianz selbst oder zur Gewährleistung der Sicherheit in Europa hat.

Im Gegenteil, das ist ein provozierender Faktor, der das Niveau des gegenseitigen Vertrauens senkt.

Nun haben wir das Recht zu fragen: Gegen wen richtet sich diese Erweiterung?

Und was ist aus jenen Versicherungen geworden, die uns die westlichen Partner nach dem Zerfall des Warschauer Vertrages gegeben haben?”



Soweit Auszüge aus bekannten Reden, an die in Deutschland kaum noch erinnert wird.

Die USA und die NATO sind auf Russlands Bedenken nie eingegangen.

Dagegen ist oft von den “Ängsten der Polen und Balten” vor den Russen die Rede, obwohl es dafür keine ernsthaften Gründe gibt.

Putin hat das mehrfach gesagt.

Die Ängste der Russen dagegen spielen in der politischen Öffentlichkkeit keine Rolle, obwohl sie durch die Politik der USA und der NATO angeheitzt werden:


Ende Februar zum Beispiel stellte sich im estnischen Narva ein US-Panzer mit Sternenbanner am Grenzübergang zu Russland auf.

Bei einem solchem Bild erinnere ich mich an den 27. Oktober 1961, als sowjetische und amerikanische Panzer sich in Berlin gefechtsbereit gegenüber standen und die Welt

von einem Dritten Weltkrieg nur durch einen weißen Grenzstrich in der Berliner Friedrichsstraße getrennt war, wie Chruschtschow das damals ausdrückte.

Im März dieses Jahres fanden sich 3.000 NATO-Soldaten mit 750 Panzern und schwerem Gerät zu Manövern im Baltikum ein.

NATO-Marine-Schiffe probten im Schwarzen Meer.

Stützpunkte an Russlands Grenzen werden erweitert und neue Militär-Strukturen dort geschaffen.

Die von den USA dominierte NATO agiert mit zunehmender Aggressivität.


Das verschärft die Lage! Macht Angst vor einem Krieg.

Da frage ich einfach mal: Wie würden wohl die USA reagieren, würde Russland beispielsweise gleiches in Venezuela oder auf Kuba tun?

Zu dieser Vorstellung brauchen wir ja nicht einmal viel Phantasie.

Es gibt ja ein historisches Beispiel aus dem Jahre 1962, als die Menschheit kurz vor einem von den USA angedrohten Atomkrieg stand.


Nein, liebe Freunde, die Zukunftsvision eines friedliebenden Europa zerschellte nicht in der Ostukraine, auch nicht auf der Krim.

Sie zerbrach schon in den neunziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts, als NATO - Staaten Jugoslawien bombardierten.

Sie machten damit aus dem Kalten einen heißen Krieg. Erstmals seit 1945. Und das mitten in Europa.

Russland und Putin werden hierulande politisch instrumentalisiert, um deutsche Verantwortung in der Welt militärisch zu begründen, die Aufrüstung

der NATO- Staaten zu rechtfertigen und mehr Geld für die Aufrüstung zu bekommen.

Dazu wird suggeriert, Putin wolle die Sowjetunion wieder herstellen.

Was für ein Quatsch!

Putin ist Oligarch und weit davon entfernt, Sozialist oder Kommunist zu sein.

Sicher weiß auch er, dass es für die Wiederherstellung der UdSSR gar keine politischen Voraussetzungen gibt.

Mir geht es auch nicht um seine Ideologie, wohl aber um die Rolle seines Landes, das aus vielerlei Gründen einen gleichberechtigten und sicheren Platz

in der Völkerfamilie verdient hat.

Ich gehöre zu jenen Deutschen, die der Meinung sind, dass die Nichtteilnahme der Bundeskanzlerin an der Militärparade anlässlich des „Tages des Sieges“

in Moskau ein politischer wie moralischer, vor allem aber ein strategischer Fehler ist.

Sie hat dem Druck der USA nachgegeben, die die Russische Föderation als „Regionalmacht“ demütigen wollen.

Dazu ein kurzer Blick in die Geschichte: Als Hitlers Krieg gegen die UdSSR begann, sagte US-Senator Truman, der spätere US-Präsident:


"Wenn wir sehen, dass Deutschland siegt, sollten wir Russland helfen, und wenn wir sehen, dass Russland siegt, sollten wir Deutschland helfen …“



Das ist genau jenes Muster, das kürzlich George Friedmann, Chef eines zwar privaten, aber weltbekannten US-amerikanischen Instituts für Strategische Studien,

in aller Offenheit für die Politik der USA seit über 100 Jahren eingestanden hat.

Er bekannte: Den USA sei es immer darum gegangen, eine Allianz zwischen Russland und Deutschland zu verhindern.

Sie berge nämlich das gefährlichste Potential in sich, denn eine solche würde eine Verbindung zwischen deutscher Technologie und deutschem Kapital

und russischen natürlichen und menschlichen Ressourcen nach sich ziehen.



Das heißt:


Deutschland und Russland sollen gegeneinander aufgehetzt werden,


damit beide Länder geschwächt werden und die USA die siegreichen Dritten sind.



Das ist eine verblüffende Offenheit.

Sie ist zwar zynisch, aber leider wahr.


Wer meiner Interpretation des Auftritts von George Friedmann misstraut,

kann sich jederzeit ein entsprechendes Video im Internet ansehen.

Er wird dies bestätigt finden.



Dass die Kanzlerin trotz des Drucks aus den USA am 10. Mai am „Grabmal des Unbekannten Soldaten“ in Moskau einen Kranz niederlegen will,

hat emotional wohl viel mit ihrem ersten Leben in der DDR zu tun.

Hier wurde der 8. Mai schon kurz nach Gründung der DDR als „Tag der Befreiung“ begangen.

Hier gehörte es zum politischen Alltag, die Befreier Deutschlands zu würdigen. Die aus der UdSSR und die ihrer Alliierten.


Frau Merkel lässt aber außer Acht, dass das Sicherheitsbedürfnis Russlands gerade auch aus einem Datum deutscher Geschichte resultiert.

Dies ist der 22. Juni 1941, als Nazideutschland wortbrüchig die UdSSR überfiel. Wer mit dieser geschichtlichen Schuld belastet ist, darf

weder „Strafaktionen“ noch „NATO Sperrspitzen“ gegen Russland unterstützen.

Vielmehr müssen alle Gelegenheiten genutzt werden, die Russland und Deutschland näher bringen.

Zu Beginn dieses Jubiläumsjahres gab Bundespräsident Gauck im Januar der DPA ein Interview.

Darin behauptet er:

„Anders als noch vor drei Jahrzehnten ist es heute in Deutschland anerkannt, dass der 8. Mai 1945 ein Tag der Befreiung war“.


Herr Gauck macht damit den Eindruck, als wäre er schon damals Bundesbürger gewesen. Die DDR zählt er inzwischen gar nicht mehr zu Deutschland.

Als gewesener DDR-Bürger müsste er doch wenigstens wissen, dass in der DDR 1985 der 8. Mai schon zum 40. Male begangen worden war.

Er war Gedenktag und von 1950 bis 1966 und erneut 1985 sogar gesetzlicher arbeitsfreier Feiertag.

Der 8. Mai markiert nicht – wie das heute fälschlicherweise heißt - das Weltkriegsende.

Der Weltkrieg war erst am 2. September 1945 zu Ende, nachdem auch Japan kapituliert hatte. Zuvor hatten die USA dort noch zwei Atombomben eingesetzt.

Der 8. Mai markiert vielmehr, dass Deutschland eine 4-fache Befreiung erlebte, auch wenn das damals sehr vielen Deutschen nicht bewusst war:

Deutschland wurde befreit von der Herrschaft des Faschismus.

Es wurde befreit von dem Zwang, sich weiterhin dessen Rassenwahn zu unterwerfen.

Es wurde befreit von dem Zwang, weiter dessen Eroberungsdrang zu folgen, und

es wurde befreit von dem Zwang, sich weiter an Kriegsverbrechen und Völkermord zu beteiligen.

Es ist richtig: In der alten Bundesrepublik sprach Altbundespräsident von Weizsäcker 1985 in seiner Gedenkrede

vor dem Deutschen Bundestag zwar auch vom „Tag der Befreiung“.

Doch im Unterschied zur DDR:

Zum ersten Mal seit 40 Jahren!


Dennoch: Ein gesamtgesellschaftlicher Konsens darüber ist doch bis heute nicht gefunden worden.

Wie sonst kommt der Bundespräsident dazu, in dem genannten Interview folgendes zu behaupten:


„Woran allerdings nicht jeder Westdeutsche sofort denkt: dass dieser Tag der Befreiung für einen Teil der Deutschen, nämlich die Ostdeutschen,

eine Befreiung zu neuer Unfreiheit war“.



Eigentlich bedarf eine solche geschichtsfremde Äußerung, die dazu der Überzeugung sehr vieler Ostdeutscher widerspricht,

keines Kommentars, stünde dahinter nicht der Versuch, die Geschichte des 20. Jahrhunderts umschreiben zu wollen.

Wie komme ich zu einer solchen Meinung?

Im Juni 2013 hielt Herr Gauck vor dem „Deutsch-russischen Forum“ in Potsdam eine Rede, über die eine Zeitung titelte[1]:


„Gauck rät Russland zur Aufarbeitung“

Gut, dachte ich, eigenartig zwar, dass ausgerechnet ein deutsches Staatsoberhaupt den Drang verspürt, Russland zu erklären,

wie es mit seiner Geschichte umzugehen hat.

Den Russen zu sagen, was gut und was schlecht für ihr Land ist. Eine gewisse Zurückhaltung, so meine Meinung, wäre angesichts unserer belasteten

Geschichte für deutsche Politiker angebracht.

Das bedeutet keineswegs, dass ich von einer allgemeinen „deutschen Kollektivschuld“ spreche, die auch nachgeborene Generationen

für deutsche Verbrechen im Zweiten Weltkrieg verantwortlich macht.

Nein, das tue ich nicht.

Aber Politiker haben die Verantwortung, sensibel mit geschichtlichen Tatsachen umzugehen.



Was wahr ist, muss wahr bleiben! Gegen Umdeutungen der Geschichte!




Und zu diesen Tatsachen zählt, dass von den über 50 bis 60 Millionen Toten des Zweiten Weltkrieges

nach neuesten Zahlen allein 28 Millionen Sowjetmenschen waren, darunter die Mehrheit Russen.

Sollte nicht allein dies für Deutschland Anlass sein, einen ähnlich behutsamen Umgang mit Russland zu pflegen wie die Bundesrepublik es beispielsweise mit Israel macht?

Nun gut, dachte ich, Herr Gauck sieht das anders. Er hielt ja im vergangenen Jahr zum 75. Jahrestag des Kriegsbeginns in Polen auch eine stark antirussische Rede,

in der er es nicht für notwendig hielt, auf die russischen Opfer des Krieges hinzuweisen.


Also schauen wir mal, was Russland nach seiner Meinung denn überhaupt aufarbeiten soll?


Und da lese ich:

„Nur, wer seine Schuld eingesteht, kann seine Vergangenheit aufarbeiten“.



Soweit so gut.

Ziemlich allgemein, meine ich.

Doch Herr Gauck überträgt diese von ihm formulierte Norm auch auf die deutsch-russische Geschichte.


Und er macht es ziemlich autoritär.

"Sie haben Pech, aber ich betrachte mich als Fachmann auf diesem Gebiet",

so stellte er sich den russischen Teilnehmern der 15. Potsdamer Begegnungen vor.


Und dann kommt der folgende Gedanke des Herrn Gauck:


• In Deutschland und Russland habe es schreckliche Diktaturen gegeben.

Eine selbstkritische Geschichtsschreibung habe Deutschland jedoch geholfen, die Fehler der Vergangenheit aufzuarbeiten.

Das Land habe erst zu sich und später zu anderen gefunden, als es sich seine Kriegsverbrechen eingestand.




Mit Blick auf Russland formulierte er dann:

Trauere eine Nation jedoch ihrem vergangenen imperialen Mythos nach und selektiere ihr historisches Wissen, erschwere sie sich

den Weg in eine zivile Gesellschaft.



Wie anders soll man das verstehen als einen Hinweis darauf, dass nun auch Russland Reue zeigen müsse?

Offensichtlich geht es dem Bundespräsidenten um die Schuldfrage am Ausbruch des Zweiten Weltkriegs.


Ein Streit um die Geschichte ist ja immer auch ein Streit um die Gegenwart.


Die Umdeutung der Geschichte ist inzwischen mit einer Neuverteilung der Schuld verbunden.


Herr Gauck gehört ja zu den Erst-Unterzeichnern der sogenannten Prager Erklärung vom 3. Juni 2008, die dazu auffordert,

den 23. August, also den Tag der Unterzeichnung des sogenannten „Hitler-Stalin-Paktes“ als europäischen Gedenktag zu begehen.



Das heißt: Es wird relativiert.

Man will zwei Schuldige am Krieg haben: Hitler und Stalin.

Nicht Deutschland allein, sondern im Bunde mit der Sowjetunion!

Seit langem ist zu beobachten, dass auch in Deutschland Politiker, Historiker und Medien, die gesamte Geschichte des 20. Jahrhunderts

„antisowjetisch“ und „antirussisch“ interpretieren.



Was wahr ist, muss wahr bleiben! Gegen Umdeutungen der Geschichte!




Demzufolge formulierte auch der Präsident des Deutschen Bundestages, Lammert, aus Anlass des 75. Jahrestages

des Kriegsbeginns am 10. September vergangenen Jahres folgendes:

„ Dem deutschen Überfall war ein diplomatisches Schurkenstück vorausgegangen, … ein Angriffspakt zweier ideologischer Antipoden“,

… die sich „darauf verständigt hatten, Mitteleuropa mit imperialer Brutalität in Einflusssphären untereinander aufzuteilen.“[2]



Man muss wirklich kein Stalinverteidiger sein, um auf die historische Tatsache hinzuweisen, dass Hitler seine Kriegsziele schon Jahre

vor dem angeblichen „Schurkenstück“ festgelegt hatte.

Dieses „Schurkenstück“ heißt übrigens historisch korrekt nicht „Hitler-Stalin-Pakt“, sondern „Nichtangriffsvertrag zwischen

dem Großdeutschen Reich und der Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken“.

Man mag viele Argumente gegen den Vertrag vorbringen können.

Auch viele deutsche Kommunisten waren damals und auch später irritiert, dass die Sowjetunion einen Vertrag mit Hitler-Deutschland

abgeschlossen hatte und dass dazu auch noch eine Geheimabkommen gehörte.

Doch, daraus zu schließen, auch die Sowjetunion sei schuld am Ausbruch des Zweiten Weltkrieges, geht an den Realitäten vorbei.

Bei allem Zweifel an dem deutsch-sowjetischen Vertrag darf niemals vergessen werden:

Hitler plante und führte den Krieg von Anfang an als einen Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion.


Schon in seinem Buch „Mein Kampf“ hatte er die Eroberung von „Lebensraum im Osten“ verkündet.

Er wollte einen Krieg gegen den „jüdischen Bolschewismus“, was sein Synonym für Sowjetunion war.

Dass die sowjetische Führung angesichts dieser Pläne alle Versuche unternahm, diesen Krieg so weit wie möglich hinauszuschieben

und dabei in erster Linie an ihre eigenen Bürger und an ihre eigene Sicherheit dachte, ist ihr ja wohl nicht zu verdenken.

Fragen wir einen Zeitzeugen, der über die Rolle der UdSSR in der Vorkriegszeit besser Bescheid weiß als ideologische Geschichtsdeuter.

Ich meine den konservativen britischen Premierminister Winston S. Churchill.

Er hat ein Buch geschrieben mit dem Titel „Der Zweite Weltkrieg“[3], wofür er 1953 sogar den Nobelpreis für Literatur erhielt.

Darin analysiert er auch das Streben Russlands nach einer Europäischen Sicherheit, die Inaktivität des Westens in dieser Frage

und sowjetischen Vorschläge für die Verteidigung der durch das Münchener Abkommen bedrohten Tschechoslowakei.



Churchill kommt zu dem bemerkenswerten Schluss:

„Das Angebot Russlands wurde einfach übergangen. Man warf die Macht der Sowjets nicht in die Waagschale gegen Hitler

und behandelte die Russen mit einer Gleichgültigkeit - um nicht zu sagen Verachtung – die in Stalins Einstellung ihre Spuren zurückließ…

Dafür mussten wir später teuer bezahlen.“




Und an anderer Stelle notiert der Mann, der zu den Großen Drei des Gipfels von Jalta zählt, Folgendes:

„ Am 16. April (1939) machte sie (gemeint ist die Sowjetunion) dennoch ein formales Angebot….

für die Schaffung einer gemeinsamen Front zu gegenseitiger Hilfeleistung zwischen Großbritannien, Frankreich und der UdSSR.

Die drei Mächte, wenn möglich mit Teilnahme Polens, sollten außerdem die Grenzen derjenigen Staaten in Mittel- und Osteuropa garantieren,

die von der deutschen Aggression bedroht waren.“



Nachdem das alles durch Schuld des Westens nicht funktionierte, kam Churchill zu der Schlussfolgerung:


„ Russland musste für seine Sicherheit sorgen“.



Der Abschluss des Vertrages zwischen Deutschland und der Sowjetunion sowie die territorialen Entscheidungen der Sowjetunion nannte Churchill

für die Sowjetunion „lebenswichtig“, jedenfalls auch im „höchsten Maße realistisch.“


Wenn man diese Fakten kennt, kann man nur zu dem Urteil kommen:

Die nachträgliche Beurteilung des Verhaltens der Sowjetunion in der Vorkriegszeit ist der Versuch, eine neue Geschichte des Zweiten Weltkrieges zu schreiben.


Vor allem aber, deutsche Schuld zu relativieren, so wie das auch schon mit dem Ersten Weltkrieg war, der kaum noch als imperialistischer Krieg bezeichnet wird,

sondern in den man „traumwandelnd“ hineingezogen wurde.

Ist es angesichts solcher Bewertungen verwunderlich, dass das offizielle Deutschland nicht widersprach, als der ukrainische Ministerpräsident Jazenjuk kürzlich

im Ersten Programm des öffentlich – rechtlichen Fernsehens Deutschlands den Großen Vaterländischen Krieg der Sowjetunion als Okkupation bewerte?


Er behauptete gar, die russische Armee sei damals als Okkupant „in die Ukraine und nach Deutschland einmarschiert.“


Solche Geschichtsverfälschungen sollen die Russische Föderation als Siegermacht diskreditieren.

Dementsprechend wird auch der Sieg über den Faschismus relativiert, weil angeblich die „richtige“ Befreiung nicht 1945,

sondern erst 1991 mit dem Untergang der UdSSR erfolgte.

Demzufolge ist auch klar, warum für bestimmte Kreise in Deutschland der 9. November 1989 wichtiger ist als der 8. Mai 1945.


In Vorbereitung auf diese Veranstaltung fand ich einen interessanten historischen Text, der auch das Lieblingsthema von Herrn Gauck „Schuld und Sühne“ behandelt.

Er stammt vom 11. Juni 1945.

In der Ostzone und später in der DDR war er das Fundament unserer antifaschistischen Politik sowie der Bildung und Erziehung.

Da Originaltexte immer überzeugender sind als verschwommene Kommentare, noch dazu nachträgliche, möchte ich ein Zitat einführen,

selbst auf die Gefahr hin, dass dieses manchen von Euch zu lang erscheint.

Aber leider sind heutzutage solche historischen Dokumente, vor allem, wenn sie aus kommunistischer Quelle kommen, nur schwer zugänglich.

Auch wenn Wortwahl und Ausdrucksweise nicht mehr unbedingt dem heutigen Sprachgefühl entsprechen, sagt der Text viel Grundsätzliches

darüber aus, warum die DDR ein antifaschistischer Staat wurde.




Was wahr ist, muss wahr bleiben! Gegen Umdeutungen der Geschichte!









Es handelt sich um den Aufruf des ZK der KPD vom 11. Juni 1945, also gut vier Wochen nach der deutschen Kapitulation,

in dem es auszugsweise heißt:



„Die Schuld und Verantwortung (am Krieg) tragen die gewissenlosen Abenteurer und Verbrecher….

Es sind die Hitler und Göring, die Himmler und Goebbels, die aktiven Anhänger und Helfer der Nazipartei.

Es sind die Träger des reaktionären Militarismus, die Keitel, Jodl und Konsorten.


Es sind die imperialistischen Auftraggeber der Nazipartei, die Herren der Großbanken und Konzerne, die Krupp … und Siemens. …


Der Sinn ihres Krieges waren nicht Ideale; sie kämpfen um die ukrainischen Weizenfelder, um das kaukasische Erdöl, um den Reichtum der Welt. ..!


Dafür wurde das nationale Dasein unseres Volkes aufs Spiel gesetzt.


Der totale Krieg Hitlers – das war der ungerechteste, wildeste und verbrecherischste Raubkrieg aller Zeiten!


Das Hitlerregime hat mit seiner Politik der Aggression und der Gewalt, des Raubes und des Krieges, der Völkervernichtung

…unser Volk ins Unglück gestürzt und es vor der gesamten gesitteten Menschheit mit schwerer Schuld und Verantwortung beladen. ….


Ein Verbrechen war die gewaltsame Annexion Österreichs, die Zerstückelung der Tschechoslowakei.

Ein Verbrechen war die Eroberung und Unterdrückung Polens, Dänemarks, Norwegens, Belgiens, Hollands und Frankreichs, Jugoslawiens und Griechenlands.

Ein Verbrechen, das sich so furchtbar an uns selbst rächte, war die Ausradierung englischer Städte.

Das größte Kriegsverbrechen Hitlers aber war der heimtückische, wortbrüchige Überfall auf die Sowjetunion,

die nie einen Krieg mit Deutschland gewollt hat, aber seit 1917 dem deutschen Volke zahlreiche Beweise

ehrlicher Freundschaft erbracht hat. …


Und ungeheuerlich sind die Gräueltaten, die von den Hitlerbanditen in fremden Ländern begangen wurden.


An den Händen der Hitlerdeutschen klebt das Blut von vielen, vielen Millionen gemordeter Kinder, Frauen und Greise.


In den Todeslagern wurde die Menschenvernichtung Tag für Tag fabrikmäßig in Gaskammern und Verbrennungsöfen betrieben.

Bei lebendigem Leibe verbrannt, bei lebendigem Leibe verscharrt, bei lebendigem Leibe in Stücke geteilt, – so haben die Nazibanditen gehaust!

Millionen Kriegsgefangene und nach Deutschland verschleppte ausländische Arbeiter wurden zu Tode geschunden, starben an Hunger, Kälte und Seuchen.


Die Welt ist erschüttert … angesichts dieser beispiellosen Verbrechen, dieses grauenerregenden Massenmordens, das von Hitlerdeutschland

als System betrieben wurde.


Wäre gleiches mit gleichem vergolten worden, deutsches Volk, was wäre mit dir geschehen?


Aber auf der Seite mit der Sowjetunion, England und den Vereinigten Staaten an der Spitze,

stand die Sache der Gerechtigkeit, der Freiheit und des Fortschritts.


Die Rote Armee und die Armeen ihrer Verbündeten haben durch ihre Opfer die Sache der Menschheit vor der Hitlerbarbarei gerettet. …

Umso mehr muss in jedem deutschen Menschen das Bewusstsein und die Scham brennen, dass das deutsche Volk einen bedeutenden Teil Mitschuld und Mitverantwortung

für den Krieg und seine Folgen trägt.


Nicht nur Hitler ist schuld an den Verbrechen, die an der Menschheit begangen wurden!

Ihr Teil Schuld tragen auch die zehn Millionen Deutsche, die 1932 bei freien Wahlen für Hitler stimmten, obwohl wir Kommunisten warnten:


"Wer Hitler wählt, der wählt den Krieg!"


Ihr Teil Schuld tragen alle jene deutschen Männer und Frauen, die willenlos und widerstandslos zusahen, wie Hitler die Macht an sich riss, wie er alle

demokratischen Organisationen, vor allem die Arbeiterorganisationen, zerschlug und die besten Deutschen einsperren, martern und köpfen ließ.


Schuld tragen alle jene Deutschen, die in der Aufrüstung die "Größe Deutschlands" sahen und im wilden Militarismus, im Marschieren und Exerzieren das

alleinseligmachende Heil der Nation erblickten.


Unser Unglück war, dass Millionen und aber Millionen Deutsche der Nazidemagogie verfielen, dass das Gift der tierischen Rassenlehre,

des "Kampfes um Lebensraum" den Organismus des Volkes verseuchen konnte. ..


So wurde das deutsche Volk zum Werkzeug Hitlers und seiner imperialistischen Auftraggeber.


…Gegen den Willen eines geeinten und kampfbereiten Volkes hätte Hitler niemals die Macht ergreifen… können….

Wir deutschen Kommunisten erklären, dass auch wir uns schuldig fühlen, indem wir es trotz der Blutopfer unserer besten Kämpfer infolge einer Reihe unserer Fehler

nicht vermocht haben, die antifaschistische Einheit der Arbeiter, Bauern und Intelligenz entgegen allen Widersachern zu schmieden, im werktätigen Volk die Kräfte

für den Sturz Hitlers zu sammeln,

in den erfolgreichen Kampf führen und jene Lage zu vermeiden, in der das deutsche Volk geschichtlich versagte.


Nach all dem Leid und Unglück, der Schmach und Schande, nach der dunkelsten Ära deutscher Geschichte, heute, am Ende des "Dritten Reiches", wird uns auch der

sozialdemokratische Arbeiter Recht geben, dass sich die faschistische Pest in Deutschland nur ausbreiten konnte, weil 1918 die Kriegsschuldigen und

Kriegsverbrecher ungestraft blieben, weil nicht der Kampf um eine wirkliche Demokratie geführt wurde, weil die Weimarer Republik der Reaktion freies

Spiel gewährte, weil die Antisowjethetze einiger demokratischer Führer Hitler den Weg ebnete und die Ablehnung der antifaschistischen Einheitsfront

die Kraft des Volkes lähmte.


Daher fordern wir:


Keine Wiederholung der Fehler von 1918!

Schluss mit der Spaltung des schaffenden Volkes!

Keinerlei Nachsicht gegenüber dem Nazismus und der Reaktion.

Nie wieder Hetze und Feindschaft gegenüber der Sowjetunion;

denn wo diese Hetze auftaucht, da erhebt die imperialistische Reaktion ihr Haupt!



….Werde sich jeder Deutsche bewusst, dass der Weg, den unser Volk bisher ging, ein falscher Weg, ein Irrweg war,

der in Schuld und Schande, Krieg und Verderben führte!“











Soweit, liebe Anwesende, ein Auszug aus einem Dokument, das 70 Jahre alt ist.

Es zeigt den antifaschistischen Geist, der uns heutzutage abgesprochen und als Mythos diskreditiert wird.

Ich stelle deshalb diesen Text einer Passage aus der Rede des Bundespräsidenten zum 70. Jahrestag der Befreiung des KZ Auschwitz entgegen.

Er sagte dort:

„Der staatliche Antifaschismus der DDR diente allerdings auch als Ersatz für fehlende demokratische Legitimation.

Und indem er die Gesellschaft pauschal von der rechtlichen und moralischen Verantwortung für die nationalsozialistischen Verbrechen freisprach, beförderte auch

er das Verdrängen von Versagen und Schuld, gerade auch des sogenannten "kleinen Mannes"….

Er ersparte ihm die Selbstreflexion und ermöglichte dem Belasteten und teilweise sogar noch dem Schuldigen, sich auf die Seite der Guten zu schlagen,

zu den antifaschistischen Siegern.

Das Gedenken galt zudem fast nur den Widerstandskämpfern. An die jüdischen Opfer, die aus Gründen der Rassenideologie ausgelöscht worden waren,

erinnern die Gedenkstätten im Osten Deutschlands angemessen erst seit dem Untergang der DDR“.




Was wahr ist, muss wahr bleiben! Gegen Umdeutungen der Geschichte!




Prüfen wir gemeinsam den Wahrheitsgehalt des Textes aus der Rede des Bundespräsidenten:

Er meint, der staatliche Antifaschismus der DDR sei Ersatz für fehlende demokratische Legitimation.

Da fällt mir zu erst ein, dass 1949 in der ersten Adenauerregierung mehr NSDAP-Mitglieder saßen als in der ersten Hitler-Regierung 1933.


Und da frage ich mich schon: Wessen Legitimation moralisch und politisch höher zu bewerten ist, die der ehemaligen Nazis, die so zahlreich unter Abgeordneten

des ersten Deutschen Bundestages und der ersten Bundesregierung saßen?

ODER aber derjenigen, die gegen Hitler gekämpft und unter ihnen gelitten hatten?


Allein von den rund 300 000 Mitgliedern, die die KPD 1933 zählte, wurden etwa 150 000 von den Nazis verfolgt, eingekerkert oder in Konzentrationslager verschleppt.

Zehntausende Mitglieder der Partei wurden ermordet[4].

Von den 519 Delegierten des ersten Nachkriegsparteitages der KPD, waren 3 Genossen zu lebenslänglichem Zuchthaus verurteilt,

141 Teilnehmer hatten zusammen 831 Jahre Zuchthaus, 64 Delegierte hatten 132 Jahre Gefängnis abgesessen,

215 Delegierte waren zusammen 637 Jahre in Konzentrationslagern[5].


Der Antifaschismus soll nach Herrn Gauck die Gesellschaft pauschal von der rechtlichen und moralischen Verantwortung für die nationalsozialistischen Verbrechen

freisprechen haben?

Soll so das Verdrängen von Versagen und Schuld des sogenannten "kleinen Mannes" gefördert haben?

Wie sollten denn Schuld und Versagen überhaupt verdrängt werden können?

Hätte die DDR denn allein die große Last der Reparationen tragen können, wenn sich ihre Bürger nicht der Schuld bewusst gewesen wären,

die Deutschland mit dem Krieg auf sich geladen hatte?

Vielleicht denkt der Bundespräsident einmal darüber nach, was es für die DDR bedeutete, dass ganz Deutschland den Krieg verloren hatte,

aber die DDR allein dafür zahlen musste.

Die Sowjetunion konnte wegen der ungeheuren Zerstörung ihres Landes auf Wiedergutmachung nicht verzichten.

Die DDR-Reparationsleistungen an die Sowjetunion und an Polen waren 25-mal höher als die Reparationen der alten Bundesrepublik.


Auf pro Kopf der Bevölkerung umgerechnet zahlte jeder DDR-Bürger 16 124 DM für Reparationen, während auf einen Bundesbürger gerade mal 126 DM kamen.


Die DDR-Bürger zahlten mit Würde, Entbehrungen und in Kenntnis der Zerstörungen, die die deutsche Wehrmacht vor allem in Polen und der Sowjetunion angerichtet hatte.


Das wäre undenkbar gewesen, hätte die DDR auch nur im Ansatz die Naziverbrechen verdrängt.



Und noch eins:

Die DDR hat dem vereinten Deutschland keine unbezahlten Reparationsleistungen hinterlassen – wie beispielsweise die alte BRD gegenüber Griechenland!


Wenn ich höre oder lese, wie deutsche Amtsträger, selbst Minister, gegenwärtig über griechische Erinnerungen an die Verbrechen der Nazis reden,

dann komme ich zu dem einzig möglichen Schluss:

Das ist deutsche Kraftmeierei ohne jede Demut, ohne das man peinlich berührt ist, dass die griechischen Opfer nach so vielen Jahren

auf sich aufmerksam machen müssen.

War es nicht auch die Anerkennung deutscher Schuld, dass die DDR schon 1950 durch das Görlitzer Abkommen die Oder- Neiße-Grenze

als endgültige deutsche Ostgrenze anerkannt hat?

Die Bundesrepublik musste dazu erst 1990 durch die vier Siegermächte gezwungen werden.

Ohne diese Anerkennung hätte es nämlich keine deutsche Einheit gegeben.

Der Antifaschismus soll nach Herrn Gauck dem „kleinen Mann“ die kritische Selbstreflexion erspart haben und dem Belasteten und Schuldigen sogar noch ermöglicht haben,

sich auf die Seite der Guten zu schlagen, zu den antifaschistischen Siegern?

Abgesehen davon, dass in der DDR die Teilung der Gesellschaft in „kleiner Mann“ und „großer Mann“ nicht üblich war, unterschied die DDR genau zwischen den

Nazi- und Kriegsverbrechern einerseits, die ohne pardon bestraft wurden, und den sogenannten „Mitläufern“, die nach Gründung der DDR eine Chance

zur Wiedereingliederung erhielten, andererseits.


Unmöglich aber war in der DDR, dass Nazirichter Recht sprechen oder Nazilehrer in den Schulen unterrichten durften.


Weiß denn Herr Gauck wirklich nicht, dass die Zahl der verurteilten Nazitäter in der DDR doppelt so hoch war wie in der BRD,

obwohl dort mehr als dreifach so viele Menschen lebten?


Ist ihm wirklich nicht bekannt, dass Adenauer schon seine erste Regierungserklärung am 20. September 1949 nutzte, um zu erklären:

„Durch die Denazifizierung ist viel Unglück und viel Unheil angerichtet worden.“[6]


1950 fügte er noch hinzu:

Es müsse endlich Schluss sein mit der ganzen „Naziriecherei“.


Im April 1951 kam dann das sogenannte „131er Gesetz“, das die Wiedereinsetzung

ehemaliger Nazijuristen und Nazibeamten gesetzlich bestimmte.


Das alles gab es tatsächlich in der DDR nicht.



Und weiter von Herrn Gauck:

Das Gedenken soll fast nur den Widerstandskämpfern gegolten haben.

An die jüdischen Opfer, die aus Gründen der Rassenideologie ausgelöscht worden waren,

sollen wir weniger erinnert haben?


Ja, es stimmt. In der DDR wurden die Widerstandskämpfer hoch geehrt.

Die aus dem Bürgertum wie Hans und Sophie Scholl, die Militärs vom 22. Juli 1944, die jüdischen und die kommunistischen.



Heutzutage wird dagegen der kommunistische Widerstand klein geredet.


Thälmann-Denkmäler werden entsorgt, aber der Stegbügelhalter Hitlers, Herr von Hindenburg, bleibt im Ehrenbürgerbuch der Hauptstadt Berlin unangetastet.


Für die DDR war der antifaschistische Widerstandskampf ein Teil – sicher ein bescheidener, aber dennoch ein Teil der Anti-Hitler-Koalition.


Vielleicht sollte Herr Gauck einmal das

Buch „Die erste Reihe“ des deutsch-jüdischen Schriftstellers Stephan Hermlin

zur Hand nehmen, der in diesem Jahr 100 Jahre alt geworden wäre.


Mir schenkte ein Freund diese einzigartige Darstellung des antifaschistischen Widerstandes junger Deutscher zu meinem 14. Geburtstag.

Es hat mich in meiner antifaschistischen Grundhaltung stark beeinflusst.



Was wahr ist, muss wahr bleiben! Gegen Umdeutungen der Geschichte!




Es ist unwahr, dass wir die jüdischen Opfer von der Ehrung ausgeschlossen hätten.


Ich habe die DDR-Wirklichkeit anders erlebt.


Schon 1947 beindruckte mich der Film „Ehe im Schatten“.

Als wir beispielsweise in der Schule „Nathan der Weise“ oder Heines Gedichte und Reiseberichte lasen,

fanden meine Lehrer immer eine inhaltliche Verbindung zwischen der deutschen Literatur einerseits und dem Völkermord an den Juden.


Tief betroffen gemacht hat mich die bewegende Ballade des kommunistischen Dichters

Johannes R. Becher „Kinderschuhe aus Lublin“,

dessen letzte Strophe ich bis heute erinnere:

•„Der Kindermord ist klar erwiesen.

• Die Zeugen all bekunden ihn.

• Und nie vergess ich unter diesen

• die Kinderschuhe aus Lublin“.




Was wir damals über die Leiden der Juden und die Verbrechen der Nazis an ihnen in diesem deutschen KZ auf polnischen Boden erfuhren,

habe ich trotz jahrelanger Beschäftigung mit dem Thema bisher in keinem Lehrplan bundesdeutscher Schulen finden können.

Man brauchte in der DDR wirklich nicht zu irgendwelcher Untergrundliteratur greifen oder in kirchliche Gruppen gehen,

um sich über den Massenmord an den Juden zu informieren.

Mit Begeisterung habe ich als Jugendlicher das

„Tagebuch der Anne Frank“

[7] gelesen.


Jahre später empfing ich als Stellvertreter des DDR- Staatsratsvorsitzenden am 19. September 1989 in Berlin Miep Gies,

die letzte Überlebende aus dem Umkreis von Anne Frank.

Sie hat das Tagebuch Anne Franks der Nachwelt bewahrt.


Sie schenkte mir ihr eigenes, in der DDR in hoher Auflage herausgegebenes Buch „Meine Zeit mit Anne Frank“,

mit den Worten:

Anne wäre stolz, wie in der DDR ihr Erbe behütet wird.


Miep Gies würdigte auch, dass der Kinderbuchverlag der FDJ das Tagebuch

von Anne Frank in mehreren Auflagen herausgab.

Zusätzlich erschien es in der Tageszeitung „Junge Welt“ mit einer Auflage von 1,5 Millionen Exemplaren.


Als ich 1976 ins Politbüro kam, war ein Jude mein Sitzungsnachbar:

Herrmann Axen [8].


An warmen Sommertagen trug er ein kurzarmiges weißes Polohemd.

Dann konnte ich seine ihm von der SS eingebrannte Häftlingsnummer erkennen: 58787 war sie.

Sie erinnert mich noch heute an seine Leidenszeit in den Konzentrationslagern Auschwitz und Buchenwald.


Zu meinen Mitstreitern im Politbüro gehörte auch Albert Norden [9],

Sohn eines im KZ Theresienstadt ermordeten Oberrabbiners.


Leute wie sie und ihre Gefährten hätten Antisemitismus in der DDR nicht zugelassen.

Juden und Nichtjuden lebten nach meiner Wahrnehmung in der DDR im Wesentlichen in Eintracht, was nicht ausschließt, dass es im Detail auch Ausnahmen gab.

Dass aber das deutsche Staatsoberhaupt keine seiner Gedenkreden auslässt, um wider besseres Wissen den Antifaschismus

in der DDR zu diskreditieren, lässt mich nach dem Warum fragen?

Die Antwort finde ich in einer Rede, die Bundesjustizminister Kinkel schon 1991 vor bundesdeutschen Richtern und Staatsanwälten gehalten hat

und die seit fast 25 Jahren von den Herrschenden des Landes in allen Variationen abgearbeitet wird.


Er sagte ja nicht nur:

"Ich baue auf die deutsche Justiz. Es muss gelingen, das SED-System zu delegitimieren“.


Nein, er begründete auch warum?


Das SED-Regime habe, so behauptete er,


„seine Rechtfertigung aus antifaschistischer Gesinnung, angeblich höheren Werten und behaupteter absoluter Humanität hergeleitet ---,

während es unter dem Deckmantel des Marxismus-Leninismus einen Staat aufbaute, der in weiten Bereichen genauso unmenschlich war wie das faschistische Deutschland."



Übersehen wir großzügig diese Indoktrination und wenden uns der Gegenwart zu:


Wäre es für den Bundespräsidenten nicht geraten, zu schauen, wie denn die Themen, die er an der DDR kritisiert,

gegenwärtig in bundesdeutschen Schulen behandelt werden?


Da erzählte mir jemand, er habe in einer Abiturklasse die Frage gestellt, was denn der Kalte Krieg gewesen sei?

Und die Antwort sei gewesen: Der sei im kalten Winter geführt worden.



So etwas lässt doch nur den Schluss zu, dass man vor lauter Kritik an der DDR einen miserablen Geschichtsunterricht duldet.


Welche politischen Wirkungen solche Politik hat, zeigt eine Umfrage, die zum 65. Jahrestag der Befreiung die Illustrierten „Stern“ erhob:

„Knapp die Hälfte der Bundesbürger (45 Prozent) konnte die Frage nicht beantworten, was am 8. Mai 1945 in Deutschland geschah.

Besonders groß ist die Unwissenheit unter den Jüngeren: Mehr als zwei Drittel (68 Prozent) der 18- bis 29-Jährigen wussten nicht, dass

die Wehrmacht an dem Tag bedingungslos kapitulierte und somit der Zweite Weltkrieg in Europa beendet wurde.


Besser informiert sind die Älteren (hier wussten es nur 35 Prozent nicht)

und über alle Altersklassen hinweg die Ostdeutschen (nur 28 Prozent falsche Antwort).


Schlecht informiert sind die Deutschen auch über die Zahl der Opfer auf sowjetischer Seite.

Nur 18 Prozent konnten richtig angeben, dass im Zweiten Weltkrieg weit mehr als 20 Millionen sowjetische Soldaten und Zivilisten getötet wurden“.



Ist es nicht geradezu eine Dreistigkeit, wenn Funktionsträger dieses Staates die Lehrer nicht etwa dazu auffordern, mehr zu tun,

um Wissen über die düsterste Zeit deutscher Geschichte zu vermitteln, sondern sie dafür kritisieren, dass die Schüler nicht genügend

von der „SED-Diktatur“ wissen?


Doch noch einmal zurück zu dem historischen Text von 1945:

Gibt es einen westdeutschen oder gesamtdeutschen Text einer Partei oder einer Institution, in dem die deutsche Schuld so klar analysiert wurde,

in dem die gesellschaftlichen Ursachen der Katastrophe benannt und auch Schlussfolgerungen für die Zukunft gezogen wurden?

Ich kenne des Gleichen nicht!

Mir ist aber aufgefallen, dass in der Rede des Bundespräsidenten zum Jahrestag von Auschwitz nicht einmal der Name „IG-Farben“ gefallen ist,

die an dem Massenmord in Auschwitz verdient haben.


Und aufgefallen ist mir auch, das er sehr oft das Wort „Nationalsozialismus“ benutzt,

also jenen Begriff, mit dem sich die Nazis selbst titulierten.


In der DDR Schule hat er das nicht gelernt.

Da sprachen wir vom deutschen oder Hitler-Faschismus.

Und auch international nannten sich die Gegner Hitlers Antifaschisten.

Auffällig ist mir ferner, dass er bei seiner Sprachgewaltigkeit, die ihm eigen ist,

immer den zweiten Teil dieses Begriffs besonders betont.


Offensichtlich soll immer wieder die Grundhaltung suggeriert werden, ob Real- oder Nationalsozialismus, beides gehört zusammen.


Dabei war der „Nationalsozialismus“ weder national noch sozialistisch.

Er war einmalig verbrecherisch und mit nichts auf der Welt vergleichbar, schon gar nicht mit der DDR.



Der Bundespräsident hat offensichtlich andere Literatur bevorzugt als aus der DDR.

In einer seiner jüngsten Gedenkreden bekannte er:

„Als ich aufwuchs, gab es in unserem Haushalt noch die sogenannte patriotische Literatur über deutsche Kriegshelden,

die Seekriegsflotte, U-Boot-Helden oder die berühmten Jagdflieger.“



Der Bundespräsident ist Jahrgang 1940.

Kaum anzunehmen, dass er schon als 5-Jähriger von dieser Literatur wusste.

Eher wahrscheinlich, dass er damit auch später Umgang hatte.

In meinem zu Hause jedenfalls gab es solche Literatur nicht.

In der Schule schon gar nicht.

In der DDR war sie nämlich von Anfang an verboten.


Ich wäre auch als Kind nicht auf die Idee gekommen, von „deutschen Kriegs- und U-Boot- Helden und „berühmten Jagdflieger(n)“ zu sprechen

und diese Literatur auch noch „patriotisch“ zu nennen.

Das hängt mit meiner antifaschistischen Erziehung in der DDR zusammen, die ich solange mir das möglich ist, verteidigen werde.


Das bin ich auch meinem russischen Freund schuldig, dessen Meinung zum 70. Jahrestag des Sieges ich zu Beginn meiner Rede zitierte.




[1] Vergleiche „Badische Zeitung“ 4. Juni 2013.

[2] Zitiert nach Redetext des Bundestagspräsidenten in der Sitzung des Parlaments vom 10. September 2014.

[3] Winston S. Churchill: „ Der Zweite Weltkrieg“, Mit einem Epilog über die Nachkriegsjahre, Bern – München-Wien. (1948), Sonderausgabe 1995.

[4] Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung in acht Bänden, Bd. 5, S. 436..

[5] G. Benser: Die Struktur der KPD und ihres Kaders (1945/46). In: Beiträge zur Geschichte der Arbeiterbewegung 4/1997, S. 33.

[6] Vergleiche: 1. Deutscher Bundestag, Stenografisches Protokoll, 20. September 1949, S. 22-30.

[7] Jüdisches Mädchen. Emigrierte 1933 mit ihren Eltern von Deutschland nach Amsterdam. Schrieb dort, vor den deutschen Faschisten versteckt, ein erschütterndes Tagebuch, das nach Kriegsende entdeckt und veröffentlicht wurde.

    Es erreichte in der DDR eine Millionenauflage.

[8] Hermann Axen, Mitglied des Politbüros und Sekretär des Zentralkomitees der SED, kommunistischer Widerstandskämpfer gegen den Faschismus, von 1940 bis zur Befreiung 1945 Häftling in den Konzentrationslagern Auschwitz und Buchenwald.

[9] Albert Norden, Mitglied des Politbüros und Sekretär des ZK der SED, Mitglied der KPD seit 1920, Widerstandskämpfer gegen den Faschismus, 1939 interniert in Frankreich, Hauptautor des 1965 in der DDR veröffentlichten „Braunbuchs

    über Nazi- und Kriegsverbrecher in der Bundesrepublik“.



















Historische Reden und Aussagen
















Egon Krenz: Mein Ziel war eine Wende in Richtung Perestroika Gorbatschower Art.











Aus unserer elektronischen Postmappe "Das Leserecho"








Der 9. November 1989 – Geschichte, Verlauf und Folgen

Vortrag von Egon Krenz, ehemaliger Vorsitzender des Staatsrates der DDR und Generalsekretär des ZK der SED,
am 3. November 2014 in Groningen zum 25. Jubiläum der Grenzöffnung am 9. November 1989




Meine Damen und Herren,

ein Blick in Ihre Gesichter verrät mir, dass Vertreter einer neuen Generation vor mir sitzen.

Für Sie ist die Zeit, über die ich heute sprechen soll, wahrscheinlich schon genauso weit entfernt wie Ereignisse vergangener Jahrhunderte.

Dennoch: 1989 ist immer wieder präsent. Nicht nur zu Jahrestagen.

Was sich in den Jahren von 1989 bis zum Untergang der UdSSR 1991 in Europa ereignete, hat Folgen hinterlassen.

Bis in die Gegenwart hinein.

Als damals Mauern fielen, war dies für viele Menschen mit der Hoffnung verbunden, dass keine neuen errichtet werden.

Davon sind wir aber in der Welt- und Europapolitik weit entfernt.

Mir scheint, die zurückliegenden Jahre wurden schlecht genutzt, um aus der Zeit der Zweiteilung Europas für die Gestaltung eines gesamteuropäischen Sicherheitssystems zu lernen.


Am Abend des 9. November 1989 flossen beiderseits der geöffneten Grenzübergänge in Berlin
Tränen der Freude und Sekt.



Dass es kein Blut war, nennen manche noch heute ein Wunder.

Die „Berliner Mauer“ galt ja im Westen als das Symbol des Kalten Krieges schlechthin.

Die Grenze quer durch Deutschland war militärisch gesichert wie keine zweite auf der Welt. Von beiden Seiten!

Sie war Teil jener Trennlinie, die von der Ostsee im Norden bis an das Schwarze Meer im Süden die Militärblöcke NATO und Warschauer Vertrag voneinander fern hielt.

Sie war zudem System- und Wirtschaftsgrenze.

Sie war Metapher für die Zweiteilung Europas.

An dieser Grenze wurde mitentschieden, dass aus dem Kalten Krieg kein heißer wurde.

Spätestens seit dem Beitritt der Bundesrepublik Deutschland zur NATO 1955 und der darauf folgenden Gründung des Warschauer Vertrages war dies keine „innerdeutsche Grenze“ mehr, sondern die Außengrenze der Staaten des Warschauer Vertrages.

Schon 1952 wurde sie - in Folge der Ablehnung der sogenannten Stalinnote zur deutschen Einheit durch die Westmächte – die erste strategische Verteidigungslinie der sowjetischen Armee in Europa.

An dieser Grenze und in der Tiefe des jeweiligen Hinterlandes waren Soldaten und Waffen stationiert, die ausgereicht hätten, dass sich beide gesellschaftlichen Systeme gegenseitig hätten vernichten können.


Ich nenne dafür folgende Zahlen:


Ende der 80er Jahre waren auf der BRD-Seite

900 000 NATO-Soldaten,

194 Raketenstartrampen,

4100 Artilleriesysteme,

7 800 Panzer und Selbstfahrlafetten und

1 600 Kampfflugzeuge stationiert.


Auf DDR- Seite waren es zusammen mit dem sowjetischen Bündnispartner

770 000 Soldaten,

236 Raketenstartrampen,

6 300 Artilleriesysteme,

11 300 Panzer und Selbstfahrlafetten sowie

1 050 Kampfflugzeuge.




Die DDR war im Osten das Hauptaufmarschgebiet der Warschauer Militärkoalition und die BRD im Westen das der NATO.

Der langjährige Botschafter der Sowjetunion in der DDR, P.A. Abrassimow, hat zu Protokoll gegeben, dass sich auf dem Territorium der DDR

sowjetische „Kernwaffen und andere modernste Waffenarten befanden, die in unmittelbarer Nähe zur Grenze stationiert waren.“

Sie sind seit mehr als zwei Jahrzehnten verschwunden, obwohl US-amerikanische Atomwaffen noch heute in Deutschland lagern.







Egon Krenz in seiner Rede in Groningen:

"Das Ideal des Friedens war in der DDR Staatsdoktrin!"








Dass angesichts der militärischen Fakten und der Feindbilder, die in 45 Nachkriegsjahren auf beiden Seiten entstandenen waren, der 9. November 1989 friedlich verlief, hat weniger mit einem Wunder zu tun als damit, dass das Ideal des Friedens in der DDR Staatsdoktrin war.

Dies lag durchaus nicht in deutscher Traditionen.

Siebzig Jahre zuvor, Ende 1918/Anfang 1919, gab es in Deutschland den sozialdemokratischen Politiker Noske,

der das Schießen Deutscher auf Deutsche befohlen hatte

und von sich selbst sagte: „Einer muss der Bluthund sein."


Niemand unter den politisch und militärisch Verantwortlichen der DDR wäre 1989 auf die Idee gekommen, es ihm gleich zu tun.

Es war unser erklärtes Ziel: Politisch entstandene Konflikte dürfen nicht durch Gewalt, schon gar nicht durch militärische, gelöst werden.

Wenn schon von Wundern die Rede sein soll, dann hat das Wunder konkrete Namen.

Es waren die Schutz- und Sicherheitsorgane der DDR, die an jenem 9. November vor 25 Jahren die Friedfertigkeit garantierten.


Sie sind die eigentlichen Helden dieses Ereignisses.


Ihr Handeln gehört zum politischen Erbe der DDR, die sich ohne Blutvergießen aus der Geschichte verabschiedet hat, was viel über ihr Wesen aussagt.




Der 9. November 1989 hat seine Geschichte.


Sie ist widersprüchlich.

Sie wird unterschiedlich interpretiert, je nachdem, in welchem politischen oder weltanschaulichen Lager man steht.

Geschichtsinterpretation ist ja bekanntlich immer interessengebunden.

Fakten sollten aber Fakten bleiben und nicht durch Ideologie ersetzt werden.


Ich werde versuchen, mich an Tatsachen zu halten, die ich entweder selbst erlebt oder aus mir zugänglichen Akten entnommen habe:





Interview auf YouTube


Egon Krenz: Mein Ziel war eine Wende in Richtung Perestroika Gorbatschower Art.










1. Der 13. August 1961

Die DDR verstand sich als souveräner Staat, der eng mit der UdSSR verbunden war und dem Warschauer Vertrag angehörte.

Sie war sich bewusst, dass ein Staat, der zu einem Militärbündnis gehört, wichtige Souveränitätsrechte an das Bündnis abtritt.

Das war früher so und das ist wohl bis heute so geblieben.

Das hat auch Bundesminister Wolfgang Schäuble auf einem Treffen mit Bankiers im Juni 2012 eingestanden, als er sagte:

„Wir in Deutschland sind seit dem 8. Mai 1945 zu keinem Zeitpunkt mehr voll souverän gewesen."

Man sagte bei uns scherzhaft, unser Land sei die größte DDR der Welt.

Doch trotz dieses Selbstbewusstseins wollte und konnte sie nicht im Alleingang weltpolitische Entscheidungen wie die vom 13. August 1961 treffen.

Die Sektorengrenzen in Berlin waren von den Alliierten des Zweiten Weltkrieges schon 1945 festgelegt worden.

Erst 16 Jahre nach Kriegsende und 12 Jahre nach Gründung der DDR wurden sie militärisch gesichert.

Was sich am 13. August 1961 vollzog war eine kollektive Entscheidung eines Gipfeltreffens der Warschauer Vertragsstaaten, das vom 3. bis 5. August 1961 in Moskau stattfand.

Zur Erinnerung: Damals hieß es im Westen, die DDR sei ein „Satellitenstaat“, ein „Agent des Kreml“, ein „verlängerter Arm Moskaus“.

In der alten BRD gab es die sogenannte Hallsteindoktrin, nach der die DDR hätte gar nicht existieren dürften.


Heute dagegen suggerieren manche Politiker und Medien den Eindruck, als sei allein die DDR für alles Ungemach des Kalten Krieges zuständig gewesen.

Ausdruck findet das unter anderem auch in der absurden Behauptung, Ulbricht habe Chruschtschow zum Mauerbau gezwungen.


Belegt dagegen ist: Als der damalige Regierende Bürgermeister von Berlin (West) Willy Brandt sich bei dem amerikanischen

Präsidenten Kennedy über die Grenzsicherungsmaßnahmen in Berlin beschwerte, antwortete Kennedy ihm,

die Schließung der Grenze „zeigt eine grundsätzliche sowjetische Entscheidung, die nur Krieg verändern könne.“

Überliefert ist ferner, dass Kennedy den Mauerbau mit den Worten kommentierte:


„Das ist keine sehr schöne Lösung, aber eine Mauer ist verdammt noch mal besser als ein Krieg."



Wie Recht er damit hatte, zeigt ein Datum, an das leider kaum noch erinnert wird:


Ich meine den 27. Oktober 1961.


Es gibt ein Foto davon, wie in der Berliner Friedrichstraße, dem sogenannten Checkpoint Charlie, sich sowjetische und amerikanische Panzer gegenüberstehen.

Mit laufenden Motoren.

Ihre Besatzungen konnten sich auf ca. 100 Meter Entfernung gegenseitig in die Rohre blicken.

Die westliche Seite befehligte US-Weltkriegsgeneral Clay und die östliche der kriegserfahrene sowjetische Marschall Konjew.

Beide standen in direkter Verbindung mit ihren jeweiligen Oberkommandierenden, dem amerikanischen Präsidenten bzw. dem sowjetischen Regierungschef.

Chruschtschow sagte wenige Tage später:

Nur ein weißer Grenzstrich trennte die Welt von einem Dritten Weltkrieg.






Die DDR und ihre Geschichte - Fahne mit Hammer, Zirkel und Ährenkranz. Skizze/Zeichnung: Eckart Kreitlow

Die DDR und ihre Geschichte

Die DDR und ihre Geschichte - Fahne mit Hammer, Zirkel und Ährenkranz. Skizze/Zeichnung: Eckart Kreitlow







Am 13. August 1961 haben die Siegermächte des Zweiten Weltkrieges in Berlin faktisch ihre Interessenssphären zementiert.

Man kann auch höflicher sagen:

Es handelte sich um einen historischen Kompromiss zwischen den Westmächten und der UdSSR.


Kein Zufall also, dass ausgerechnet am Tag des Mauerbaus Kennedy segelte, de Gaulle sich auf seinem Landsitz befand, Macmillian auf Jagd war,

Adenauer nicht seinen Wahlkampf unterbrach und alle es unterlassen hatten, Chruschtschow und Ulbricht daran zu hindern,

die Grenzsicherungsanlagen errichten zu lassen.

Ein Krieg um Berlin war ihnen ein zu hoher Preis.


Jahre später, im September 1988, wird auch Willy Brandt, nun als Ehrenvorsitzender der SPD, den 13. August 1961 als ein „Datum der Erleichterung“ für die Westmächte bezeichnen.

Leider hat es an dieser Grenze auch Opfer gegeben.

Jeder Tote oder Verletzte an der Grenze war einer zu viel.

Das DDR-Staatsoberhaupt Walter Ulbricht hat dazu schon 1964 Stellung genommen.

Der damalige BBC Korrespondent Paul Oestreicher hatte ihn gefragt:

„Sind Schüsse an der Mauer nicht ein viel zu hoher Preis?“.

Ulbricht antwortete darauf: „Jeder Schuss an der Mauer ist zugleich ein Schuss auf mich.

Damit liefere ich dem Klassenfeind die beste Propagandawaffe.

… den Frieden aufs Spiel zu setzen, würde aber unendlich mehr Leben kosten.“

Der Ruf „Die Mauer muss weg“ stammt nicht aus jener Zeit.

Er kam erst Ende der achtziger Jahre auf.

Vorher war er bei der Mehrheit der Bevölkerung keineswegs konsensfähig.

Das hing auch damit zusammen, dass damals nach Meinung vieler Ostberliner das eigentliche Datum des Mauerbaus der 20. Juni 1948, der Tag der Einführung einer separaten Währung in Berlin (West) war.

Berlin war seit der Währungsreform eine Stadt mit zwei verschiedenen Währungen, der konvertierbaren Deutschen Mark und der nichtkonvertierbaren alten Reichsmark bez. später der Mark der DDR.

Dies war zum Vorteil der West- und zum Nachteil der Ostberliner.

Der Fetisch D-Mark, in Westberliner Wechselstuben zu einem spekulativen Kurs in DDR-Währung eintauschbar, hatte 1961 zu einer Blüte des Schwarzmarktes an DDR-Arbeitskräften geführt.

65 000 Grenzgänger, die im Westberlin arbeiteten und in Ostberlin wohnten und dort konsumierten ohne dafür dort etwas geleistet zu haben, waren offiziell registriert.

Über 100 000 waren es in Wirklichkeit.


Abwerbungen von Fachleuten waren an der Tagesordnung.


Hohe Qualifikation zum Nulltarif über die Grenze.

Das konnte die DDR mit ihren ungleich höheren Kriegsbelastungen im Vergleich zur BRD nicht länger verkraften.

Der Schaden, der der DDR durch die offene Grenze zugefügt wurde, beläuft sich auf einen Betrag, der von unabhängigen Gutachtern zwischen 100 und 130 Milliarden DM beziffert wird, gerechnet nach Preisen des Jahres 1961.

Das entspricht ungefähr der Summe, die Deutschland nach dem Ersten Weltkrieg an Reparationen gegenüber den Siegermächten aufzubringen hatte.

Viele Menschen in der DDR zogen diese Fakten ins Kalkül, wenn sie über die Mauer sprachen.

Ihr Einverständnis mit Bemühungen der DDR, einen Ausverkauf des Landes zu verhindern, war größer als heute gemeinhin anerkannt wird.

Daher gab es - von Ausnahmen abgesehen - bis 1989 auch keine landesweiten Proteste gegen die Grenzsicherungsmaßnahmen.


2. Berlin (Ost) und Berlin (West) in den 70er und 80er Jahren

Zehn Jahre nach dem Mauerbau einigten sich 1971 die vier Siegemächte auf ein Abkommen.

Doch selbst die Bezeichnung dieses Abkommens war strittig.

In der Bundesrepublik wurde es „Viermächteabkommen“ genannt; in der DDR „Vierseitiges Abkommen“.

Das kleine russische Wort „Связи» wurde sogar zum Zankapfel der Politiker in beiden deutschen Staaten.

In der DDR wurde es korrekt als „Verbindungen“ ins Deutsche übersetzt, womit die Verkehrswege von und nach Berlin (West) gemeint waren.

Die BRD übersetzte es als „Bindungen“ und leitete daraus ihre Rechte für Berlin (West) ab, die sie nach DDR-Meinung nicht hatte, da Westberlin kein Bestandteil der Bundesrepublik Deutschland war.

Ob das politische Barometer zwischen Ost und West auf Spannung oder Entspannung stand, entschied sich oft in Berlin.

Als beispielsweise Bundeskanzler Kohl Gorbatschow mit dem Kriegsverbrecher Goebbels verglichen hatte, erwartete die Sowjetunion als Signatarmacht des oben genannten Abkommens von der DDR, alle für Westberlin geplanten Projekte zum 750 jährigen Bestehen von Berlin auf Eis zulegen.

Darunter auch bereits vereinbarte Zugeständnisse im Reiseverkehr, im Kulturaustauch und in humanitären Angelegenheiten.

Die sowjetische Seite betrachtete das Fehlverhalten des Bundeskanzlers zu Recht als Beleidigung nicht nur des Generalsekretärs Gorbatschow, sondern des sowjetischen Volkes, das im Kampf gegen den Faschismus über 28 Millionen Opfer zu beklagen hatte.

Angesichts dieser Sachlage solidarisierte sich die DDR mit Gorbatschow.

Ich komme auf das Problem der vier Mächte in Berlin an anderer Stelle noch einmal zurück, weil es am Morgen des 10. November 1989 bei der Beurteilung der Grenzöffnung durch Moskau eine nicht unbedeutende Rolle gespielt hat.

Zwischen 1985 und 1989 nahmen die internationalen Auseinandersetzungen um die Mauer an Schärfe zu.

Am 16. April 1985 besuchte Gorbatschow das Brandenburger Tor.

Dieser Besuch gewann an Bedeutung, weil er – wie seine Vorgänger auch - zugleich der „Oberste Befehlshaber der Vereinten Streitkräfte des Warschauer Vertrages“ war.

Nachdem er sich über die Grenzsicherungsanlagen informiert hatte, schrieb er bewegt in das Gästebuch des Stadtkommandanten von Berlin:

„Am Brandenburger Tor kann man sich anschaulich davon überzeugen, wieviel Kraft und Heldenmut der Schutz des ersten sozialistischen Staates auf deutschem Boden vor den Anschlägen des Klassenfeindes erfordert.

Die Rechnung der Feinde des Sozialismus wird nicht aufgehen…...

Ewiges Andenken an die Grenzsoldaten, die ihr Leben für die sozialistische DDR gegeben haben.”

Soweit von mir unkommentiert die Bewertung der Grenzsicherungsanlagen in Berlin durch Generalsekretär Gorbatschow.

Auch US-Präsident Reagan kam ans Brandenburger Tor.

Dies war am 12. Juni 1987.

Er wandte sich damals nicht an Honecker oder die DDR-Regierung.

Ihm war bewusst, wer letztlich über diese Grenze entscheidet.

Mit dem ihm eigenen Pathos rief er aus: „ Herr Gorbatschow, öffnen Sie dieses Tor, …Reißen Sie die Mauer nieder!“

Dies wurde von der sowjetischen Regierung scharf zurückgewiesen.

Als Bundespräsident von Weizäcker in Moskau Gast von Gorbatschow war, hatte der KPdSU Generalsekretär ihm gesagt, Jalta und Potsdam würden nicht revidiert werden.

In einem vertraulichen Papier hatte Gorbatschow die DDR-Führung wissen lassen, dass er dem Bundespräsidenten in aller Schärfe gesagt habe, die „deutsche Zweiteilung und die Berliner Mauer seien historische Tatsachen und kein Verhandlungsgegenstand“.

Allerdige verschwieg Gorbatschow in seiner Mitteilung an Honecker, dass er zum Bundespräsidenten auch gesagt hatte:

„Was in 100 Jahren sein wird, entscheidet die Geschichte."

Wir erfuhren dies erst aus bundesdeutschen Medien.

Das weckte Misstrauen bei Erich Honecker, weil er darin ein Anzeichen dafür sah, dass Moskau - das 1971 darauf bestanden hatte, dass die DDR die deutsche Frage für abgeschlossen erklärt - sie nun wieder für offen hält.

Honeckers Argwohn wurde durch ein Fernsehinterview verstärkt, das der sowjetische Außenminister Schewardnadse im Januar 1989 am Rande des KSZE Abschlusstreffens in Wien gab.

Auf die Frage eines Reporters, was aus der Berliner Mauer werden solle, antwortete er: »Da müssen Sie Fischer fragen.«

Lächelnd fügte er hinzu: »Und natürlich Genscher. «

Hatte sich Chruschtschow in seinen Erinnerungen noch dazu bekannt, selbst den Befehl zum Mauerbau gegeben zu haben, wollte Schewardnadse die Verantwortung nun der DDR und ein bisschen auch der BRD zuschieben.

Am 12. Juni 1989 korrigierte Gorbatschow während seines Staatsbesuch in Bonn seinen Außenminister mit den Worten des für die Grenze Kompetenten:

„Die Mauer kann wieder verschwinden, wenn die Voraussetzungen entfallen, die sie hervorgebracht haben.“

Ähnlich hatte es Honecker zu Jahresbeginn auch gesagt.

Die Einheit der Auffassungen zur Berliner Mauer zwischen Gorbatschow und Honecker waren also noch im Sommer 1989 identisch.


Am 7. und 8. Juli 1989 fand eine Tagung des Politisch-Beratenden Ausschusses in Bukarest statt.

Dies war das höchste politische Gremium der Staaten des Warschauer Vertrages.

Es tagte in einer politischen Ausnahmesituation.

Krisen in Staaten der Gemeinschaft gab es in regelmäßigen Abständen: DDR 1953, Ungarn 1956; Polen 1956, 1970 und 1980, Tschechoslowakei 1968.

Es waren in der Regel Krisen in einem oder in einigen Ländern, nie aber war die sozialistische Gemeinschaft als Ganzes betroffen.

1989 erlebte ich in Bukarest zum ersten Mal, dass die sozialistische Staatengemeinschaft nicht mehr funktionierte.

Der Sozialismus in Europa mit seinem Kernland Sowjetunion befand sich bereits in einer tiefen Existenzkrise.

Darin sah die DDR eine Gefahr nicht nur für den europäischen Kontinent.

Die Bipolarität der Welt war zusammen mit dem militär-strategischen Gleichgewicht so etwas wie ein Regulator der Friedenssicherung.

Jede Seite wusste von der anderen, dass sie sich in ein Kriegsabenteuer nur bei Strafe des eigenen Untergangs einlassen kann.

Die sozialistischen Staatsoberhäupter bewegte damals die Frage:

Wie steht es um den Kalten Krieg?

Ist er zu Ende?

Die ungarische Führung meinte: „Ja.“

Gorbatschow hielt zu diesem Zeitpunkt noch dagegen.

Am Vortag, dem 6. Juli 1989, war er Gast des Europarates.

Vor der Parlamentarischen Versammlung hatte er beklagt, dass die Einmischung der NATO in die inneren Angelegenheiten der sozialistischen Länder den Kalten Krieg neu belebt.

„Die Schwierigkeit bestehe darin“, sagte er, „dass der Westen die Überwindung der Spaltung Europas als Überwindung des Sozialismus versteht.“

Er antwortete damit dem amerikanischen Präsidenten George Bush.

Dieser hatte Ende Mai auf dem NATO-Gipfel in Brüssel gefordert, die Sowjetunion in die „Wertegemeinschaft des Westens“ zu holen.

Gorbatschow sah dies als verbalen Angriff der NATO auf sein Land.

Für ihn waren die Beschlüsse der NATO-Ratstagung Ausdruck einer neuen Konfrontation.

Er warnte davor, dass „eine Destabilisierung in Osteuropa unvorstellbare gefährliche Folgen für den ganzen Kontinent in sich birgt.“

Nur wenige Tage danach startet US-Präsident George Bush einen politischen Generalangriff auf Gorbatschows Politik.

Er besuchte Warschau und Budapest, um dort für Reformen im Sinne des Westens zu werben.

In Budapest machte er deutlich: Es wird keine Kombination von „östlicher Macht“ und „westlicher Technologie“ geben.

Der amerikanische Präsident ließ keinen Zweifel daran, dass die USA Ungarn nur dann wirtschaftlich und finanziell helfen würden, wenn das politische System des Landes grundlegend im Sinne der USA verändert wird.

Der ungarische Ministerpräsident Nemeth übergab an Bush symbolisch ein Stück des ab 2. Mai 1989 abgebauten ungarischen Grenzzauns zu Österreich.

Dabei legte er Wert auf die Feststellung, dass alle „ physischen und geistigen Trennmauern beseitigt werden“.

Mit diesem Ziel im Gepäck flog er zusammen mit Außenminister Gyula Horn am 25. August 1989 in geheimer Mission nach Bonn.

Ohne den Bündnispartner DDR vorher zu informieren, teilten sie dem Bundeskanzler mit: „Ungarn hat sich entschlossen, den DDR-Bürgern die freie Ausreise zu erlauben.”

Die Bundesregierung gewährte Ungarn dafür einen günstigen „Kredit“ von über 500 Millionen DM.

Zu dieser Zeit wurde im Westen das Bukarester Dokument bewusst falsch interpretiert.

Suggeriert wurde, die Sowjetunion habe die „Breschnew-Doktrin“ der begrenzten Souveränität der Mitgliedsstaaten aufgegeben und eine Gorbatschow-Doktrin der „Freiheit der Wahl" verkündet.

Die Medien bezogen sich dabei auf die Formulierung, nach der die Beziehungen der Warschauer Vertragsstaaten „auf der Grundlage der Gleichheit, Unabhängigkeit und des Rechtes eines jeden Einzelnen,

selbstständig seine eigene politische Linie, Strategie und Taktik ohne Einmischung von außen auszuarbeiten" entwickeln zu können.

Das war allerdings nichts Neues.

So etwas hatten fast alle Vorgänger Gorbatschows auch gesagt.

Breschnew zum Beispiel hatte 1968 formuliert, die Aufgabe bestehe darin, „die Prinzipien der Gleichberechtigung aller Länder des Sozialismus, ihre Souveränität und Unabhängigkeit sowie die Nichteinmischung in ihre inneren Angelegenheiten konsequent zu wahren.“

Was sollten sowjetische Spitzenpolitiker auch anders sagen?

Etwa den Vorwurf des Westens bestätigen, dass die Verbündeten sowjetische Satelliten seien?

Nein, in Bukarest wurde in dieser Beziehung überhaupt nichts aufgehoben, sondern Bekanntes lediglich bestätigt.

Gorbatschow hat nie behauptet, jedes Land könne nach Belieben aus dem Warschauer Vertrag oder dem RGW austreten.

Am 13. März 1985, er war gerade zwei Tage Generalsekretär des ZK der KPdSU, hatte er seine osteuropäischen Kollegen in den Kreml eingeladen.

Ich begleitete Honecker. Gorbatschows Hauptsorge galt der Verlängerung des Warschauer Vertrages.

Die grundlegenden Bedenken, die damals der rumänische Staatschef zur Verlängerung des Vertrages vortrug, wurden von Gorbatschow ohne Bedenken vom Tisch gewischt.

Wenn es tatsächlich eine Doktrin der „völligen Entscheidungsfreiheit“ der sowjetischen Bündnispartner gegeben haben sollte, dann wurde sie vor der DDR-Führung geheim gehalten.

Der politischen und militärischen Führung der DDR wurde sie jedenfalls nie mitgeteilt.

Sowjetische Militärs sind der DDR gegenüber auch 1989 von gemeinsamen politischen Interessen ausgegangen.

Zudem existierte ein Beistandspakt zwischen der UdSSR und der DDR, der nie gekündigt worden war.

Selbst wenn die UdSSR bereit gewesen sein sollte, Bulgarien, die ČSSR, Polen, Ungarn und Rumänien in die volle Souveränität zu entlassen, so war das bei der DDR anders.

Die DDR war für die Sowjetunion immer ein Sonderfall.

Jede sowjetische Führung berücksichtigte zu Recht, dass die Sowjetunion bei der Befreiung Deutschlands vom Faschismus die Hauptlast getragen hatte.

Anschaulich zeigt das auch folgender Vorgang:

Ende Juni 1989 nahm ich eine Mitteilung der sowjetischen Führung entgegen, die an Erich Honecker gerichtet war.

Ein Exemplar war in Deutsch. Eins in Russisch. Moskau teilte uns darin mit:

„Die Gruppe der Sowjetischen Streitkräfte in Deutschland ist in Westgruppe der sowjetischen Streitkräfte umbenannt worden.

Der Status dieser Truppen, wie er im Vertrag über die Beziehungen zwischen der UdSSR und der DDR vom 20. September 1955 und in den anderen bilateralen Vereinbarungen bestimmt wird,

sowie die Rechte und Verantwortung, die sich aus den in der Kriegs- bzw. Nachkriegszeit erzielten

und die gültigen Vereinbarungen und Beschlüssen der UdSSR, der USA, Großbritannien und Frankreich ergeben, bleiben unverändert.“

Die Sowjetunion dachte nicht daran, ihre Rechte für Deutschland aus der Nachkriegszeit aufzugeben.

Mir war das plausibel.

Die Westalliierten gaben ja ihre Rechte in der Bundesrepublik auch nicht auf.

Die sowjetische Entscheidung über die Westgruppe ihrer Streitkräfte ist aber alles andere als eine „Doktrin für die Freiheit der DDR“.

Der Gipfel von Bukarest war kaum vorbei, spitzte sich die Situation in der DDR in bisher nie gekannter Form zu.

Im Sommer, als Schulferien waren, begann ein Urlauberansturm auf Ungarn.

Ungarn war das beliebteste Reiseziel der DDR-Bürger und seit Jahren ein geeigneter Treff für Familien aus der DDR und der BRD.

Nun kam die Zeit, als sich die bundesdeutsche Botschaft in Budapest mit DDR-Bürgern zu füllen begann.

Am 19. August hatte der „Thronfolger der Österreichisch – Ungarischen Monarchie“, Otto von Habsburg, an der österreichisch-ungarischen Grenze ein sogenanntes „Friedens-Picknick“ veranstaltet.

Hunderte kamen und durchbrachen auf ungarischer Seite den Grenzzaun ohne auf Widerstand von Seiten der Grenzschützer zu stoßen.

Am 10. September ließ dann die ungarische Regierung verlauten, dass ab Mitternacht auch für DDR-Bürger die Grenzen nach Österreich geöffnet würden.

Damit hatte die Trennlinie zwischen NATO und Warschauer Vertrag ihr erstes Loch.

Als DDR-Bürger später auch in der CSSR in die bundesdeutsche Botschaft flüchteten, ließ die DDR-Führung unter Erich Honecker zynisch erklären, man weine denen, die uns verlassen hätten, keine Träne nach.

DDR-Bürger antworteten darauf mit Protesten unter der Losung „Wir bleiben hier“ und wenig später auch mit dem Slogan „Wir sind das Volk“.

Das waren keine Forderungen für die Abschaffung der DDR oder für die deutsche Einheit.

Es ging um innere Reformen in der DDR. Die politische Führung unter Erich Honecker reagierte darauf nicht.

Schnell kam dafür die Bezeichnung „Sprachlosigkeit“ auf. Diese hat die innere Lage der DDR dramatisch zugespitzt.

In dieser Zeit traf ein Brief des sowjetischen Außenministers an seinen DDR-Kollegen Oskar Fischer ein.

Datiert ist er vom 1. September 1989.

Interessant die Wortwahl Schewardnadses.

Er nennt die Botschaftsbesetzungen von DDR-Bürgern „Exzesse der letzten Zeit, die durch Versuche einer nicht geringen Zahl von DDR-Bürgern, illegal in die BRD zu gelangen, hervorgerufen wurden.“

Als Quelle für dieses Verhalten nennt Schewardnadse die „Ansprüche der BRD auf das Obhutsrecht für alle Deutschen“.

Dies könne, so der sowjetische Politiker, zu jedem Zeitpunkt „in Gang gesetzt werden, um erneut Spannungen und Konflikte in den zwischenstaatlichen Beziehungen zu erzeugen.“

Schewardnadse empfiehlt, „die Aufmerksamkeit der internationalen Öffentlichkeit auf das Problem der Nichtanerkennung der Staatsbürgerschaft der DDR seitens der BRD und auf die Folgen dieser Nichtanerkennung zu lenken.“

Er erwähnt, „ dass die Beschlüsse der KSZE über Freizügigkeit kaum auf die Beziehungen zwischen der DDR und der BRD anwendbar sind, da wegen der Haltung letzterer zur Staatsbürgerschaft die völkerrechtlichen Voraussetzungen für die Zusammenarbeit beider Länder in dieser Frage fehlen.“

Schließlich meinte er, wenn die DDR androhen würde, „die Zahl der Übersiedler in diesem und nächsten Jahr spürbar zu verringern“, könnte dies im Vorfeld zu den Bundestagswahlen die Bonner Regierung zum Nachdenken über diese Frage veranlassen“.

Diese Leitsätze waren politisch durchaus richtig. Allerdings wusste auch die sowjetische Seite, dass die alte BRD über Jahrzehnte hinweg alle Zugeständnisse der DDR zum Reise- und Besucherverkehr zwischen beiden deutschen Staaten dadurch torpediert hatte, dass sie nicht bereit war, die Staatsbürgerschaft der DDR zu respektieren.

Im Herbst 1989 waren wir schon längst nicht mehr Herr der Situation, um darauf angemessen reagieren zu können.

Die Bedingungen wurden der DDR nun schon von Bonn aus diktiert.

In der Konsequenz verleitete Schewardnadses Brief Erich Honecker zu der Fehlentscheidung, im Interesse der Wahrung der Hoheitsrechte der DDR die Züge, die die Botschaftsbesetzer aus Prag in die Bundesrepublik bringen sollten, über das Hoheitsgebiet der DDR fahren zu lassen.

So kam es in Dresden zu ernsthaften Auseinandersetzungen der Staatsmacht mit Menschen, die mit den Zügen mitfahren wollten.

Ab Anfang Oktober gab es dann auch offene Auseinandersetzungen in der DDR-Führung.

Ich hatte zusammen mit weiteren DDR-Politikern die Initiative zur Absetzung Honeckers ergriffen.

Am 18. Oktober 1989 wurde ich zum SED-Generalsekretär und am 24. Oktober zum Staatsoberhaupt der DDR gewählt.

Ich sprach damals von einer „Wende“, die erreicht werden müsse.

Ich verstand darunter eine Erneuerung der DDR nach dem Beispiel der „Perestroika“ in der Sowjetunion.

Mir war noch nicht klar, dass Gorbatschow mit dieser Politik schon im eigenen Land gescheitert war.

Er sagte mir damals, sein Ausspruch, wer zu spät komme, den bestrafe das Leben, sei nicht auf die DDR, sondern auf ihn selbst gemünzt gewesen.

Auch er sei mit seinen Reformvorstellungen viel zu spät gekommen.

Als ich meine Funktionen übernahm, habe ich öffentlich versprochen, dass das Reisen von DDR- Bürger auch ins westliche Ausland gesetzlich geregelt wird.

Freies Reisen stand an der Spitze der Forderungen der Bürger an ihren Staat.

Der Vorschlag der neuen DDR-Führung sah vor, einen Gesetzentwurf auszuarbeiten, der öffentlich diskutiert und noch vor Weihnachten im Parlament, der Volkskammer, beschlossen werden sollte.

Jeder DDR-Bürger sollte einen Reisepass erhalten und reisen können, wann und wohin er wollte.

Mich bedrückte allerdings die Frage: Wer soll das bezahlen?

Unsere Währung war – wie ich bereits erwähnte - nicht konvertierbar.

Die Bundesrepublik berechnete jeden gefahrenen Kilometer eines DDR-Bürgers mit der Bundesbahn in Devisen.

Wir gingen von 12 bis 13 Millionen Reisenden aus.

Dafür hätte eine Summe von 3 bis 4 Milliarden DM zur Verfügung stehen müssen.

Unsere Valutasituation ließ große Sprünge nicht zu.

Wir konnten den Reisenden kaum zusätzlichen Devisen umtauschen.

Die Bundesregierung hat unsere Vorschläge für einen gemeinsamen Reisefonds, in den beide Staaten eingezahlt hätten, abgelehnt.


3. Gespräch mit Gorbatschow

Ein wichtiges Datum auf dem Wege zum 9. November 1989 war mein Gespräch mit Gorbatschow am 1. November in Moskau.

Dabei fragte ich ihn:

„Michael Sergejewitsch, welchen Platz räumt die Sowjetunion beiden deutschen Staaten im gesamteuropäischen Haus ein?

Im Westen gibt es Spekulationen, dass im Europäischen Haus für die DDR kein Platz mehr ist.“


Gorbatschow macht auf mich den Eindruck, als habe er meine Frage nicht verstanden.

Ich ergänze daher: Die DDR entstand nach dem Zweiten Weltkrieg und im Ergebnis des Kalten Krieges.

Sie ist also auch ein Kind der Sowjetunion.

Es ist für mich wichtig zu wissen, ob ihr zu eurer Vaterschaft steht?“

Ich wollte aus erster Hand erfahren, was die Sowjetunion mit der DDR vorhat.

Gorbatschow reagiert überrascht:

„Wo denkst du hin?“ fragte er und informiert darüber, dass seine Genossen kürzlich mit Zbignew Brzezinski gesprochen hätten.

Sie hätten ihn gefragt, „ob sich die USA eine Wiedervereinigung Deutschlands vorstellen könnten“.

Brzezinski habe geantwortet, „für ihn wäre das der Zusammenbruch“.

Als ahne Gorbatschow mein Misstrauen, sagt er:

„Ich begrüße, dass du die Frage nach der Existenz der beiden deutschen Staaten aufgeworfen hast.

Auch in meinen jüngsten Gesprächen mit Margaret Thatcher, François Mitterrand, aber auch mit Jaruzelski und Andreotti ist klar geworden,

dass sie von den Realitäten der Nachkriegszeit, einschließlich der Existenz zweier deutscher Staaten, ausgehen.

Die Fragestellung nach der Einheit Deutschlands werde von allen als äußerst explosiv betrachtet.

Sie wollen auch nicht, dass der Warschauer Vertrag und die NATO aufgelöst werden.

Sie sind für ein Verbleiben Polens und Ungarns im Warschauer Vertrag.

Das Gleichgewicht in Europa dürfe nicht gestört werden, weil niemand weiß, welche Folgen das hat.

Auch die USA beziehen bisher eine ähnliche Haltung.“






Die DDR und ihre Geschichte - Fahne mit Hammer, Zirkel und Ährenkranz. Skizze/Zeichnung: Eckart Kreitlow

Die DDR und ihre Geschichte

Die DDR und ihre Geschichte - Fahne mit Hammer, Zirkel und Ährenkranz. Skizze/Zeichnung: Eckart Kreitlow







Gorbatschow schlussfolgert daraus:

„Nach meiner Meinung besteht die beste Politik darin, die bisherige Linie der sozialistischen Länder in der deutschen Frage weiterzuführen.“

„Die DDR“, so Gorbatschow, „muss bei ihren Beziehungen zur BRD drauf achten, nicht in die Umarmung dieses Staates zu geraten.

Es gibt keinen Grund, Vermutungen anzustellen, wie sich die deutsche Frage einmal lösen wird.

Die Einheit Deutschlands steht nicht auf der Tagesordnung der aktuellen Politik.

Darüber hat sich die Sowjetunion mit ihren früheren Partnern aus der Zeit der Anti-Hitler-Koalition geeinigt.

Genosse Krenz, übermittle dies bitte den Genossen des SED-Politbüros“, fasste Gorbatschow seinen Standpunkt zusammen.

Es sei an der Zeit, so Gorbatschow weiter, auf Kanzler Kohl stärkeren Druck auszuüben.

Er habe auf das Pferd des Nationalismus gesetzt.

In der BRD würde mit diesem Thema wild spekuliert.“

Das, meine Damen und Herren, ich unterstreiche es, war noch am 1. November 1989!

Wenn man die Ereignisse danach überblickt, ist kaum nachvollziehbar, wie schnell sich Gorbatschows Meinung geändert hat.

Damals wusste ich allerdings auch noch nicht, dass Gorbatschows Mitarbeiter bereits hinter dem Rücken der DDR Kontakte zum Bundeskanzleramt aufgenommen hatten,

um zu erkunden, was die Bundesrepublik bereit wäre für eine mögliche deutsche Einheit zu zahlen.

Nach meinem Gespräch mit Gorbatschow erhielt ich bei einem Mittagessen im Kreml vom Chef des KGB, Kruschkow, eine Mitteilung, die im Zusammenhang mit dem 9. November eine große Bedeutung haben wird.

Er sagte mir: „Wir haben Informationen, dass Extremisten versuchen könnten, die geplante Demonstration am 4. November 1989 auf dem Alexanderplatz in Berlin zu nutzen, um das Brandenburger Tor zu stürmen“.

Ähnliches hörte ich sowohl von den polnischen Sicherheitsorganen und auch vom Ministerium für Staatsicherheit der DDR.

Mir war nicht klar, ob es sich um ein Gerücht oder um eine aufgeklärte wirkliche Absicht handelte.

Um keinerlei Risiko einzugehen, arbeitete der Sekretär des Nationalen Verteidigungsrates der DDR, Generaloberst Streletz, in meinem Auftrag einen Befehl aus, in dem es wörtlich heißt:


„Die Anwendung der Schusswaffe im Zusammenhang mit möglichen Demonstrationen ist grundsätzlich verboten.“


Dieser Befehl galt auch bei möglichen Demonstrationen im Grenzgebiet.

Auch am 9. November 1989.


In seinem Buch „Der Weg zur Einheit“ schreibt Altbundespräsident von Weizsäcker: „Trotz ausdrücklicher Anforderung durch die Sicherheitskräfte der DDR blieben sowjetische Streitkräfte auf Befehl aus Moskau in ihren Quartieren.“

Das ist so nicht wahr.

Wenn die DDR-Führung hätte wirklich Gewalt anwenden wollen, hätte sie dazu keine sowjetischen Streitkräfte anfordern müssen.

Die eigenen Schutz- und Sicherheitskräfte hätten ausgereicht.

Belegt ist zudem: Niemand aus der DDR - Führung oder den Sicherheitsorganen hat im Herbst89 sowjetische Truppen angefordert.

Ein Befehl aus Moskau, dass sowjetische Truppen in ihren Quartieren bleiben sollten, ist nirgendwo dokumentiert.

Auch der Oberkommandierende der Streitkräfte des Warschauer Vertrages, Armeegeneral Lushew, und der Chef der Westgruppe der sowjetischen Streitkräfte, Armeegeneral Snetkow, mit denen ich in dieser Zeit engste persönliche Kontakte hatte, haben mir gesagt, einen solchen Befehl nie erhalten zu haben.

Versichert haben sie aber, die Bündnisverpflichtungen gegenüber der DDR einzuhalten.

Ein äußerst kompetenter Zeitzeuge war der sowjetische Botschafter in der DDR, Wjatscheslaw Kotschemassow.

Er gab 1997 zu Protokoll: „ In der dramatischen Phase haben unsere Generäle im Oktober und November 1989 einen militärischen Einsatz erwogen und angeboten.“

Glücklicherweise hatten weder die sowjetischen Bündnispartner noch wir eine gewaltsame Lösung geplant.



4. Der 9. November 1989

Über den 9. November 1989 gibt es unzählige Legenden.

Anders ausgedrückt: Wer den Schaden hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen.

Der inzwischen legendäre Versprecher von Politbüromitglied Günter Schabowski auf einer internationalen Pressekonferenz wird in den Medien genüsslich ausgenutzt, um der DDR-Führung ihre vermeintliche Unfähigkeit zu attestieren.

Die Geschichte ist bekanntlich nie alternativlos.

Auch an diesem Abend war sie es nicht.

Die unvernünftige Alternative zu der Art der Grenzöffnung wie sie stattgefunden hat, wäre eine bürgerkriegsähnliche Auseinandersetzung gewesen, die niemand hätte verantworten können.

Mir war damals sehr wohl bewusst, dass die von uns beabsichtigte Wende in der DDR ohne Öffnung in Richtung Westen unmöglich gewesen wäre.

Zudem war der Druck der Bevölkerung enorm.

Es rächte sich jetzt, dass es eine nachprüfbare gesetzliche Regelung über das Reisen in Richtung Westen jahrelang nicht gegeben hatte.

Zwar hatte dies auch damit zu tun, dass die Bundesrepublik die Staatsbürgerschaft der DDR nicht respektieren wollte.

Doch diese juristischen Fragen interessierten im November 89 kaum noch.

Die Leute wollten endlich auch in den Westen reisen können.

Ihre Geduld war zu Ende.

Wohl auch deshalb protestierten viele gegen einen Gesetzentwurf, den wir am 6. November zur öffentlichen Diskussion unterbreitet hatten, und der vor zwei/drei Monaten noch als Fortschritt gegolten hätte.

Die Ablehnung der Diskussionsgrundlage führte dazu, dass wir uns in der DDR-Führung einigten, dass eine Regierungsverordnung Übergangsregelungen schafft, die bis zum Beschluss eines Reisegesetz durch die Volkskammer noch vor Weihnachten gelten sollten.

Diese Regierungsverordnung verlas ich auf einer Sitzung des SED-Zentralkomitees am Nachmittag des 9. November zusammen mit dem Entwurf einer Pressemitteilung, die am 10. November in den Printmedien veröffentlicht werden sollte .

Beide Dokumente übergab ich Schabowski, der auf einer internationalen Pressekonferenz darüber informieren sollte.


Jenen „berühmten Zettel“ also, dessen Urheberschaft manche dem KGB, der CIA, dem MfS oder auch dem BND andichten, diesen „Zettel“ hatte Schabowski von niemand anderem als von mir.


Allerdings mit der Maßgabe, den Beschluss auf der internationalen Pressekonferenz vorzustellen.

Statt ihn zu erläutern, antwortete er erst kurz vor Ende der Pressekonferenz auf die Frage eines Journalisten nach dem Zeitpunkt der Grenzöffnung ziemlich verwirrt: „Wenn ich richtig informiert bin, nach meiner Kenntnis unverzüglich.“

Korrekt wäre gewesen „Ab morgen“ oder „Ab 10. November.“


Das Gefährliche dieses Irrtums bestand darin, dass die Grenztruppen zu diesem Zeitpunkt noch keine Befehle zur Öffnung haben konnten.

Hinzu kommt, dass sich alle Mitglieder der DDR-Führung auf einer Tagung des SED-Zentralkomitees befanden, nicht wussten, was Schabowski auf der Pressekonferenz gesagt hatte und folglich selbst nicht aktiv werden konnten.

Tausende Berlinerinnen und Berliner machen sich nun aber auf den Weg zur Grenze.

Nicht, um die „Mauer niederzureißen“, sondern auf Einladung eines Politbüromitgliedes.

Die angestaute Reiselust, die so viele Jahre lang kein Tor gefunden hatte, entlädt sich noch in dieser Nacht.

Wie aus den Medien zu erfahren ist, machte sich auch die heutige deutsche Regierungschefin, Bundeskanzlerin Merkel, aus der Sauna kommend, auf den Weg zur Grenze.

Sie habe dabei durchaus nicht den Eindruck gehabt, dass dies der Fall der Mauer gewesen sei.

Viele, die damals dabei waren, mögen auch jetzt noch nicht von einem „Sturm auf die Mauer“ sprechen, sondern eher von einem großen „Ost-West-Volksfest“.

Sie gingen in friedlicher Absicht.

Der Regierende Bürgermeister von Berlin (West), Momper, nannte das Ereignis „Keinen Tag der Wiedervereinigung, sondern Tag des Wiedersehens“.

Soziale Spannungen haben damals keine Rolle gespielt.

Kurz vor 21.00 Uhr rief mich Staatsicherheitsminister Erich Mielke an.

Er informierte, was nach der Pressekonferenz passiert war.

„Wenn wir nicht sofort entscheiden, was zu tun ist, dann verlieren wir die Kontrolle“, sagte er.

Ich konnte in diesem Augenblick meine Nervosität nur schwer verbergen.

In meinem Büro waren noch meine Weggefährten Siegfried Lorenz und Wolfgang Herger.

Alle anderen Verantwortlichen waren auf dem Wege vom Gebäude des SED-Zentralkomitees in ihre Büros oder nach Hause.

Alle politischen und militärischen Fäden liefen nun bei mir zusammen.

Wir befanden uns in einer gefahrvollen Situation.

Auch nur eine falsche Entscheidung hätte Blutvergießen bedeuten können.

Mein Entscheidungsspielraum war in diesen Minuten äußerst eng.

Praktisch ging es um die Frage: Lassen wir den Dingen freien Lauf oder setzen wir die bewaffnete Macht zur Sicherung der Staatsgrenze ein?

Letzteres wäre ein Spiel mit dem Feuer gewesen.

Aber auch eine spontane Grenzöffnung - ohne Befehle für die Sicherheitsorgane - barg Risiken in sich.

Ich hatte Sorge, es könne Panik ausbrechen.

Mich bewegte: Was, wenn es in dieser Nacht auch nur einen Toten gibt?

Ich dachte nicht einmal daran, dass geschossen werden könnte.

Es gab ja meinen Befehl vom 3. November 1989, der die Anwendung der Schusswaffe verbot.

Was aber, wenn irgendjemand - von welcher Seite auch immer - provoziert?

Angekündigt waren Provokationen oft genug.

Was, wenn Panik einsetzt und sich Menschen tottrampeln?


Wir wollten auch an diesem Abend bei unserem Grundsatz bleiben:

Es darf keine Gewalt geben.

Die Hauptlast der ungewöhnlichen Situation lag auf den Schultern der Grenztruppen der DDR, der Volkspolizei und des Ministeriums für Staatsicherheit.

Sie bewiesen, dass sie den Grundsatz verinnerlich hatten: Von deutschem Boden darf nie wieder Krieg ausgehen.


Am Morgen des 10. November gab es aber auch beunruhigende Nachrichten.

Westberliner versuchen, vom Brandenburger Tor aus über die Mauer auf das Territorium der DDR zu gelangen.

Zeitweilig waren über 1000 Menschen auf der Mauer westlich am Brandenburger Tor.

Einige sprangen ins DDR-Grenzgebiet.

Wenn es Sinn macht, von gefährlich die höchste Steigerungsform zu bilden, dann war die Situation am Brandenburger Tor die bisher gefährlichste.

Sie hätte jederzeit militärische Eingriffe auslösen können.

Ich wollte mir damals nicht vorstellen, was hätte passieren könnte, wenn ein gewaltsamer Mauerdurchbruch von Westberlin aus organisiert worden wäre.

Auch international gab es Erregung.

Die Alliierten fühlen sich brüskiert.

Die Botschafter der USA, Großbritanniens und Frankreichs wandten sich an das DDR-Außenministerium.

Sie wollen genaue Auskunft, was in der Nacht passiert war und warum sie nicht gefragt worden waren.

Die sowjetische Seite machte uns am Morgen des 10. November den Vorwurf, die DDR sei wegen des Vier-Mächtestatus von Berlin nicht berechtigt gewesen, die Grenze zu Westberlin zu öffnen .

Auch die Militärverbindungsmissionen der drei Westmächte waren irritiert.

Deshalb wandte sich der Chef des Stabes der Westgruppe der Streitkräfte der UdSSR, Generalleutnant Fursin, an das Oberkommando der USA-Landstreitkräfte Europa sowie das Oberkommando der britischen und der französischen Streitkräfte in Deutschland.

Er forderte sie auf, „sich aus den Ereignissen herauszuhalten “

Der Chef der US-amerikanischen Mission erklärte, „das USA-Oberkommando Einwände erheben würde, falls Armeeangehörige der NVA der DDR Berlin (West) besuchen sollten“.

Nachdem die DDR Gorbatschow in einem Staatstelegramm über Einzelheiten der Grenzöffnung informiert hatte, teilte der sowjetische Botschafter in Berlin mit:

„Im Namen von Michail Gorbatschow beglückwünsche ich die deutschen Freunde zu ihrem mutigen Schritt, die Berliner Mauer geöffnet zu haben.“


Heutzutage wird in den Medien nur noch gemeldet, am 9. November sei die Mauer gefallen, so als habe der Heilige Geist sie zerstört oder sie sei einfach zusammengefallen.

Welche Anstrengungen die DDR unternehmen musste, dass alles friedlich verlief, wird kaum noch berichtet.

Es passt nicht in das verordnete Geschichtsbild vom „DDR-Unrechtsstaat“.


5. Reaktionen in Ost und West

Besser als jede nachträgliche Bewertung der Ereignisse ist ein Vergleich zwischen dem, was damals gesagt und getan wurde, mit dem, was heute darüber berichtet wird.

Zwar wird in der Geschichtsschreibung kurz erwähnt, dass Gorbatschow am 10. November 1989 eine mündliche Botschaft an Helmut Kohl gerichtet hatte.

Doch mehr nicht.

Würde man dies nämlich tun, würde klar werden, dass am 9. November 1989 von einem „Mauerfall“ noch keine Rede sein konnte.

„Mauerfall“ und „Sturm auf die Mauer“ sind ideologische Begriffe im Nachhinein.


Nach meinen Recherchen ist der volle Text der Gorbatschow-Botschaft an Kohl nirgendwo publiziert.


Daher gebe ich ihn hier im Wortlaut wieder:

„Wie Ihnen natürlich bekannt ist, hat die Führung der DDR einen Beschluss gefasst, der den Bürgern dieses Landes die Möglichkeit der freien Ausreise über die Grenzen zur BRD und Berlin (West) ermöglicht.

Es ist verständlich, dass dieser Beschluss der neuen Führung der DDR durchaus nicht leicht gefallen ist.

Zugleich bestätigt er aufs Neue, dass gegenwärtig in der DDR tiefe und bedeutende Veränderungen vor sich gehen.

Die Führung der Republik handelt zielstrebig und dynamisch im Interesse des Volkes, sie entfaltet einen breiten Dialog mit verschiedenen Gruppen und Schichten der Gesellschaft.

Erklärungen aus der BRD, die vor diesem politischen und psychologischen Hintergrund abgegeben werden, die unter Losungen der Unversöhnlichkeit gegenüber der realen Existenz zweier deutscher Staaten Emotionen und Leidenschaften anheizen sollen, können kein anderes Ziel verfolgen, als die Lage in der DDR zu destabilisieren und die sich dort entwickelnden Prozesse der Demokratisierung und Erneuerung aller Bereiche des gesellschaftlichen Lebens zu untergraben.

Wir haben die Mitteilung erhalten, dass heute in Berlin (West) ein Meeting stattfinden wird, an dem offizielle Vertreter aus der BRD und Berlin (West) teilnehmen werden.

Zur gleichen Zeit ist auch ein Meeting in der Hauptstadt der DDR geplant.

Bei den gegenwärtig faktisch offenen Grenzen und den gewaltigen Menschenströmen in beiden Richtungen kann eine chaotische Situation mit unübersehbaren Folgen entstehen.

Angesichts der Kürze der Zeit und der zugespitzten Situation habe ich es für notwendig erachtet, Sie im Geiste der Offenheit und des Realismus zu ersuchen, Ihrerseits die notwendigen und äußerst dringlichen Maßnahmen zu treffen, damit eine Komplizierung und Destabilisierung der Situation nicht zugelassen wird.“



In Botschaften an US-Präsident Bush, an Frankreichs Präsident Mitterrand und an die britische Premierministerin Margaret Thatcher informiert Gorbatschow über seine Warnung an Kohl.



Zugleich bat er die Repräsentanten der drei Westmächte, ihren Vertretern in Westberlin Weisungen zu erteilen, „damit die Ereignisse nicht einen Verlauf nehmen, der nicht wünschenswert wäre…

Wenn aber in der BRD Erklärungen laut werden, die auf ein Anheizen der Emotionen im Geiste der Unversöhnlichkeit gegenüber den Nachkriegsrealitäten, d.h. der Existenz zweiter deutscher Staaten, abzielen, dann können solche Erscheinungen des politischen Extremismus nicht anders eingeschätzt werden denn als Versuche, die sich jetzt in der DDR dynamisch entwickelnden Prozesse der Demokratisierung und Erneuerung aller Bereiche des gesellschaftlichen Lebens zu untergraben.

Mit Blick auf die Zukunft kann dies eine Destabilisierung der Lage nicht nur im Zentrum Europas, sondern auch darüber hinaus nach sich ziehen.“






Die DDR und ihre Geschichte - Fahne mit Hammer, Zirkel und Ährenkranz. Skizze/Zeichnung: Eckart Kreitlow

Die DDR und ihre Geschichte

Die DDR und ihre Geschichte - Fahne mit Hammer, Zirkel und Ährenkranz. Skizze/Zeichnung: Eckart Kreitlow







Der amerikanische Botschafter in der DDR informiert mich, dass Präsident Bush zunächst nicht glauben wollte, dass die DDR ihre Grenzen geöffnet hatte.

Er überbrachte mir ein Staatstelegramm des US-Präsidenten.


Darin heißt es:

  • „ Sie haben Ihre Pflichten als Vorsitzender des Staatsrates zu einer Zeit übernommen, die äußerst bedeutsam für Ihr Land, für Europa und für den künftigen Gang der Ost-West-Beziehungen ist.

    Die Vereinigten Staaten begrüßen Ihre Entscheidung, die Grenzen der DDR für ständig denen zu öffnen, die das Land in Richtung Westen verlassen oder lediglich dorthin reisen möchten.

    Diese Entscheidung wie auch die Bewegung in Richtung demokratischer Reformen wird den historischen Prozess der europäischen Aussöhnung beitragen“.



  • Der Historiker Helmut Kohl war zur historischen Stunde nicht am Platz der historischen Ereignisse. Er befand sich auf einem Bankett in Warschau.

    Am 11. November kam es ab 10.13 Uhr zu einem Telefongespräch zwischen uns.



  • Der Bundeskanzler begrüßt die Öffnung der Grenzen.

    Sie sei angetan, die Beziehungen zwischen beiden deutschen Staaten weiterzuentwickeln.

    „Ich glaube“, sagt er, „wir stehen jetzt in einem ganz wichtigen Zeitabschnitt, ein Zeitabschnitt, in dem sehr viel Vernunft und gar keine Aufgeregtheit am Platze ist, sondern eine ruhige Gelassenheit, um die richtigen Entscheidungen zu treffen.“

    Auch er spricht nicht vom „Fall der Mauer“.



  • Stattdessen sagt er:

    „Ich habe immer wieder darauf hingewiesen, … dass jede Form von Radikalisierung gefährlich ist.

    Wir werden uns nicht zu unterhalten brauchen, was für Gefahren das sein könnten.

    Das kann sich jeder leicht ausrechnen….

    Und wenn noch irgendwas ist, Herr Krenz, um das klar zu sagen, das ist ja eine Situation, die leicht dramatisch werden könnte, dann greifen Sie zum Telefon und ich umgekehrt.“



  • Walter Momper, der Regierende Bürgermeister von Berlin (West), hatte dem Bundeskanzler gar vorgeworfen, er habe nicht begriffen, was sich in der DDR abspiele.

    Die Menschen in der DDR interessiere nicht die Wiedervereinigung.

    Die neugewonnene Identität des DDR-Volkes möge Kohl zwar nicht passen, sie sei aber Realität.

    Momper ist der Ansicht, ein Treffen von Kohl mit mir sei dringend erforderlich.



  • Ähnlich äußert sich der Ministerpräsident von Baden-Württemberg, Lothar Späth.

    Laut „Stuttgarter Nachrichten“ ist er überzeugt, dass die Mehrheit der DDR-Bürger einen Anschluss an die BRD nicht wünscht.



  • Schließlich erhielt die DDR auch ein Signal aus dem Vatikan.

    Es lautete: „Wenn es der Stabilität der DDR und der Autorität des Staatsratsvorsitzenden dienlich wäre, gäbe es die Bereitschaft, einen Papstbesuch in der DDR zu organisieren.“ .









  • Die historischen Tatsachen werden von ideologischen Interpretationen verdrängt.








    Zwischen den Originaltexten von damals und ihrer nachträglichen Interpretation liegen Welten.

    Die historischen Tatsachen werden von ideologischen Interpretationen verdrängt.



    Es heißt, 1989 sei der Kalte Krieg zu Ende gewesen.


    Ich halte das für einen Irrtum.

    Zu Ende war 1991 die System- und Blockkonfrontation in Europa, weil es die Sowjetunion und ihre Verbündeten nicht mehr gab.

    Nicht zu Ende waren die Ursachen, die zu Kriegen führen.


    Heiße Kriege wie beispielsweise der um Jugoslawien wären zur Zeit des militärstrategischen Gleichgewichts zwischen den USA und der UdSSR undenkbar gewesen.


    Bush sen. erklärte die USA zum Sieger des Kalten Krieges.

    Gorbatschow hielt dagegen, es gebe keinen Sieger, sondern alle seien Nutznießer.


    Inzwischen spricht er allerdings davon, dass die USA einen „Siegerkomplex“ hätten.


    Jene, die noch immer nicht müde werden, die gefallenen Mauern von einst zu kriminalisieren, beobachten heutzutage geradezu mit Sympathie, dass die Trennlinie, die einst an Elbe und Werra sowie quer durch Berlin verlief, nunmehr an die russiche Grenze verlegt wird.






    Die DDR und ihre Geschichte - Fahne mit Hammer, Zirkel und Ährenkranz. Skizze/Zeichnung: Eckart Kreitlow

    Die DDR und ihre Geschichte

    Die DDR und ihre Geschichte - Fahne mit Hammer, Zirkel und Ährenkranz. Skizze/Zeichnung: Eckart Kreitlow







    1990 war der Preis der NATO für Gorbatschows Zustimmung zur deutschen Einheit das Versprechen, dass sich die NATO nicht nach Osten ausdehnt.

    Wie immer man zu Gorbatschow steht, ohne ihn wäre – wie es im westlichen Sprachgebrauch heißt – der “eiserne Vorhang” nicht gefallen.


    Doch Gorbatschow hätte sich nicht im Schlaf vorstellen können, dass der “Lohn” für die Auflösung des Warschauer Vertrages die Ausdehnung der NATO bis an die russische Grenze sein würde.


    Wohl auch daraus resultiert seine Verbitterung, wenn er als Reaktion auf die jüngste Rede Obamas vor der UNO, sagte:

    «Es gibt heute eine große Seuche - und das sind die USA und ihr Führungsanspruch» .

    Obama hatte zuvor Russland vor den Vereinten Nationen als Gefahr angeprangert - in einem Atemzug mit der Seuche Ebola und dem Terrorismus.


    Möge Ihre Generation vor solchen Auseinandersetzungen verschont bleiben.

    Vor allem wünsche ich Ihnen, dass Sie nur Frieden erleben, der in dieser Zeit leider sehr brüchig geworden ist.












    Interview mit Egon Krenz für die britische Tageszeitung


    The London Times









    Die DDR und ihre Geschichte - Fahne mit Hammer, Zirkel und Ährenkranz. Skizze/Zeichnung: Eckart Kreitlow

    Die DDR und ihre Geschichte

    Die DDR und ihre Geschichte - Fahne mit Hammer, Zirkel und Ährenkranz. Skizze/Zeichnung: Eckart Kreitlow






    Fragen und Antworten


    1. Was war Ihr Hauptziel als Staatschef der DDR?

    Noch am 1. November 1989 sagte mir Michail Gorbatschow, dass er sich mit den Staatschefs der Antihitlerkoalition, darunter auch mit der britischen Premierministerin, einig sei, dass die Abkommen von Jalta und Potsdam nicht revidiert würden.

    Die deutsche Einheit stünde solange nicht auf der Tagesordnung, solange es die NATO und den Warschauer Vertrag gäbe.

    Schon daraus ergibt sich, dass mein damaliges Ziel darin bestand, die DDR als souveränen Staat zu erhalten.


    2. Halten Sie es für ungerecht, wenn die DDR als Unrechtsstaat bezeichnet wird?

    Der Begriff Unrechtsstaat ist wissenschaftlich nirgendwo definiert.

    Er ist ein Schmähbegriff, mit dem die Nazidiktatur und die DDR auf eine Stufe gestellt werden sollen.

    Er hat seinen Ursprung in der alten Bundesrepublik, die im Unterschied zur DDR die Nazivergangenheit ihres Führungspersonals nie richtig aufgearbeitet hat.


    3. Glauben Sie, dass in der Zukunft die Geschichte der DDR positiver beurteilt werden wird?

    Ja. Aktuelle Umfragen belegen, dass die Mehrheit der früheren DDR-Bürger keineswegs mit der Art und Weise der Behandlung der DDR-Geschichte durch Politik und Medien einverstanden sind.

    Soll Deutschland wirklich zusammenwachsen, dann ist ein ehrlicher Umgang mit der deutschen Nachkriegsgeschichte notwendig.

    Dazu gehört auch ein Vergleich der Geschichte der alten Bundesrepublik und der DDR.

    Das würde Vor- und Nachteile der ehemals beiden Staaten in die Debatte bringen und geschichtlich korrekter sein als die einseitige Verdammung der DDR.


    4. Ihrer Meinung nach, wäre es besser gewesen, wenn die DDR ein eigenständiger Staat geblieben wäre?

    Diese Frage wurde inzwischen von der Geschichte entschieden.

    Es ist meine Sache nicht, zu spekulieren, was besser gewesen wäre, wenn ….


    5. Bezweifeln Sie, dass sich für die meisten Deutschen das Leben verbessert hat?

    Es gibt Verbesserungen und es gibt Verschlechterungen.

    Das Leben ist eben nicht nur schwarz-weiß.

    Deutschland ist zwar staatsrechtlich vereint, aber sozial, ökonomisch und auch mental weiter gespalten.

    Im Osten gibt es eine höhere Arbeitslosigkeit als im Westen, die Löhne und Renten sind hier auch noch niedriger.

    Der Grundsatz, gleicher Lohn für gleiche Arbeit und gleiche Renten für gleiche Lebensleistungen ist nicht verwirklicht.


    6. Wie werden Sie den 9. November verbringen?

    Das Feiern überlasse ich den aktuellen Politikern, die damals gar nicht dabei waren und nicht wissen können, welche Gefahren es in der Nacht vom 9. zum 10. November 1989 für den Frieden gab.

    Wir standen damals einer bürgerkriegsähnlichen Auseinandersetzung näher als manche dies heute wahrhaben wollen.

    Es bestand sogar die Gefahr, dass die Vier Mächte, die noch Verantwortung für Berlin beanspruchten, hineingezogen werden könnten.

    Michael Gorbatschow hat damals Bundeskanzler Kohl in einer persönlichen Botschaft vor einer Destabilisierung der Lage gewarnt.

    Kohl selbst hat in einem Telefonat mit mir am 11. November 1989 von einer gefährlichen Situation gesprochen, die leicht dramatisch werden könnte.

    Die eigentlichen Helden des 9. November 1989 waren die Angehörigen der Sicherheitsorgane der DDR, die dafür gesorgt haben, dass die Ereignisse friedlich verliefen.

    Die DDR hat sich aus der Geschichte verabschiedet, ohne dass ein Schuss fiel.

    Das ist ein Erbe der DDR, das viel über ihren Charakter aussagt.















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    Blick auf die Ostsee und den Strand in Ostseebad Dierhagen auf der Halbinsel Fischland in Mecklenburg-Vorpommern. Foto: Eckart KreitlowBlick auf die Ostsee und den Strand in Ostseebad Dierhagen auf der Halbinsel Fischland in Mecklenburg-Vorpommern. Foto: Eckart KreitlowBlick auf die Ostsee und den Strand in Ostseebad Dierhagen auf der Halbinsel Fischland in Mecklenburg-Vorpommern. Foto: Eckart Kreitlow



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